Polyneuropathie – wenn die Nerven Botschaften nicht mehr richtig leiten
Kribbeln, Taubheit, brennende Schmerzen vor allem an Händen und Füßen: das sind die typischen Beschwerden einer Polyneuropathie. Diese Erkrankung der peripheren Nerven betrifft in Deutschland etwa 5 bis 10 Prozent der über 65-Jährigen. Wir möchten Ihnen einen Überblick geben, woher die Beschwerden kommen, wie man sie behandelt und was im Alltag wirklich hilft.
Was ist Polyneuropathie?
Die Polyneuropathie ist eine Erkrankung mehrerer peripherer Nerven gleichzeitig. Sie führt zu Funktionsstörungen der sensiblen Nerven (Tastsinn, Temperaturwahrnehmung), motorischen Nerven (Muskelkraft) und autonomen Nerven (Schwitzen, Blutdruck, Verdauung). Typisch ist der Beginn an Füßen und Händen mit symmetrischer Verteilung – "wie ein Strumpf" oder "wie ein Handschuh".
Häufige Ursachen
- Diabetes mellitus: bei langjähriger Erkrankung mit schlechter Blutzuckereinstellung; mit Abstand häufigste Ursache
- Alkoholmissbrauch: durch direkte Toxizität und Vitamin-B-Mangel
- Medikamente: Chemotherapeutika (Cisplatin, Vincristin, Taxane), Amiodaron, manche Antibiotika, Statine in Einzelfällen
- Vitaminmangel: vor allem Vitamin B1, B6, B12, Folsäure
- Niereninsuffizienz: Anreicherung urämischer Toxine
- Schilddrüsenstörungen: Unterfunktion
- Autoimmunerkrankungen: Guillain-Barré-Syndrom, chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP)
- Erbliche Polyneuropathien: Charcot-Marie-Tooth, hereditäre Amyloidose
- Infektionen: HIV, Hepatitis C, Borreliose
- Tumoren: paraneoplastisch, bei Plasmozytom
- Toxine: Schwermetalle, organische Lösungsmittel, Lebensmittelvergiftungen
Typische Beschwerden
- Kribbeln, Ameisenlaufen, "elektrische Stromstöße"
- Taubheit oder eingeschränkte Empfindung in Füßen und Händen
- Brennende, stechende oder einschießende Schmerzen, oft nachts schlimmer
- Unsicherer Gang, vor allem bei geschlossenen Augen oder im Dunkeln
- Muskelschwäche, später Muskelschwund
- Fußheberschwäche mit Stolperneigung
- Krämpfe in Waden oder Füßen
- Bei autonomen Nerven: trockene Haut, Blutdruckschwankungen, Verdauungsbeschwerden, sexuelle Funktionsstörungen, Schweißstörungen
Diagnostik
Die Diagnose beginnt mit einer ausführlichen Anamnese (Vorerkrankungen, Medikamente, Alkoholgewohnheiten, Familienanamnese) und einer neurologischen Untersuchung. Wichtige Tests:
- Reflexprüfung, Vibrations- und Lagesinn, Schmerz- und Temperaturwahrnehmung
- Neurographie und Elektromyographie
- Labordiagnostik: Blutzucker, HbA1c, Vitamin B1, B6, B12, Folsäure, Schilddrüsenwerte, Nierenwerte, Leberwerte, Eiweiß-Elektrophorese
- Liquordiagnostik bei Verdacht auf CIDP oder Guillain-Barré
- Genetische Diagnostik bei Verdacht auf hereditäre Form
- Manchmal Nervenbiopsie in spezialisierten Zentren
Therapie
Die Behandlung hat zwei Hauptziele: die Ursache zu behandeln und die Beschwerden zu lindern.
Ursächliche Therapie
- Bei Diabetes: optimale Blutzucker- und Blutdruckeinstellung; Ziel-HbA1c oft 6,5-7,5 Prozent
- Bei Alkohol: konsequenter Verzicht, Substitution von Vitamin B1, B6, Folsäure
- Bei Vitaminmangel: gezielte Substitution oral oder bei B12 auch intramuskulär
- Bei Schilddrüsenstörungen: Hormonsubstitution
- Bei Autoimmunerkrankungen: Kortikoide, Immunglobuline, Plasmapherese, Rituximab
- Bei Medikamentennebenwirkungen: Anpassung oder Wechsel der Therapie nach ärztlicher Absprache
Symptomatische Schmerztherapie
Klassische Schmerzmittel (Paracetamol, NSAR) wirken bei neuropathischen Schmerzen meist nicht. Wirksamer sind:
- Gabapentin (300 bis 3600 mg pro Tag): einschleichen, gute Wirkung bei vielen Patienten
- Pregabalin (75 bis 600 mg pro Tag): ähnliche Wirkung, oft besser verträglich
- Amitriptylin (10 bis 75 mg vor der Nacht): wirkt auch gegen Schlafstörungen
- Duloxetin (30 bis 120 mg pro Tag): bei diabetischer Polyneuropathie zugelassen
- Capsaicin-Pflaster oder -Creme: lokal aufgetragen, gut bei umschriebenen Schmerzen
- Lidocain-Pflaster (Versatis 5%): bei lokal begrenzten Beschwerden
- Opioide in Einzelfällen, langsam und unter kontrollierten Bedingungen
Nicht-medikamentöse Optionen
- Physiotherapie und Krankengymnastik zur Erhaltung der Mobilität
- Ergotherapie bei Geschicklichkeitsverlust
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) zur Schmerzlinderung
- Akupunktur kann ergänzend helfen
- Mediterrane Ernährung mit reichlich Omega-3
- Alpha-Liponsäure 600 bis 1800 mg täglich (insbesondere bei diabetischer Polyneuropathie)
- B-Komplex-Vitamine mit Benfotiamin, Pyridoxin, Cyanocobalamin
- Regelmäßige sanfte Bewegung (Schwimmen, Radfahren, Spaziergänge)
- Stressbewältigung mit Atem- oder Achtsamkeitsübungen
Alltag mit Polyneuropathie
- Fußpflege: tägliche Inspektion auf Wunden, Druckstellen, Risse; vor allem bei Diabetes lebenswichtig
- Gut sitzendes, weiches Schuhwerk mit Maßeinlagen
- Sicheres Zuhause: Stolperkanten beseitigen, gute Beleuchtung, Haltegriffe im Bad
- Nicht barfuß laufen, vor allem nicht draußen
- Warmes Wasser prüfen mit der Hand oder Thermometer, nicht mit dem Fuß
- Hautpflege: rückfettende Cremes für die trockene Haut
- Soziale Begleitung: Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen
- Mobilität erhalten: täglich Spazieren, leichte Übungen
Wann ärztlich abklären
- Erstes Auftreten von Kribbeln, Taubheit oder Schmerzen
- Schwere und schnell zunehmende Schwäche der Muskulatur (Notfall: Verdacht Guillain-Barré)
- Stolperneigung oder Gangunsicherheit
- Atembeschwerden, Schluckstörungen
- Wunden am Fuß, die nicht heilen wollen
- Plötzliche Verschlechterung trotz Therapie
- Wechselwirkungen oder Nebenwirkungen von Schmerzmedikation
Beratung in der Rathaus-Apotheke Neuwied
Polyneuropathie ist oft ein langer Begleiter. Wir helfen Ihnen, mit der Diagnose zu leben: Beratung zur passenden Schmerzmedikation, zu Vitaminen, zu Alpha-Liponsäure, zur Hautpflege bei trockenen Füßen, zu Hilfsmitteln wie Diabetiker-Schuhen, TENS-Geräten und sicheren Haltegriffen. Bringen Sie gerne Ihre aktuelle Medikamentenliste und Befunde mit – wir gehen sie gemeinsam durch.
