Kiefererkrankungen
Der Kiefer ist eine komplexe anatomische Region, die Knochen, Gelenke, Muskeln, Nerven und Zähne umfasst. Erkrankungen des Kiefers reichen von häufigen, gut behandelbaren Problemen wie Bruxismus und CMD bis zu seltenen Erkrankungen wie Kieferzysten oder -tumoren. Ein interdisziplinäres Team aus Zahnärzten, Kieferorthopäden, Kieferchirurgen, Physiotherapeuten und Schmerzspezialisten arbeitet zusammen für eine optimale Versorgung.
Anatomie des Kiefers
- Oberkiefer (Maxilla): fest mit dem Schädel verbunden, enthält obere Zähne und die Kieferhöhlen
- Unterkiefer (Mandibula): beweglicher Knochen, mit Kiefergelenken am Schädel verbunden, trägt untere Zähne
- Kiefergelenk (Articulatio temporomandibularis): komplexes Gelenk zwischen Unterkiefer und Schläfenbein, ermöglicht Mundöffnung, Kauen, Sprechen
- Kaumuskulatur: Masseter, Temporalis, Pterygoideus medialis und lateralis
- Nerven: Trigeminus (V3) versorgt sensibel; Mandibularnerv ist wichtig in der Zahnheilkunde
Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD)
Sammelbegriff für Störungen des Kausystems mit Schmerzen und Funktionsstörungen. Sehr häufig – bis zu 30% der Bevölkerung haben CMD-Symptome.
Symptome
- Schmerzen im Kiefergelenk und/oder der Kaumuskulatur
- Schmerzen beim Kauen, beim weiten Mundöffnen
- Kiefergelenksgeräusche: Knacken, Reiben, Knirschen
- Eingeschränkte Mundöffnung
- Kieferklemme (Mund bleibt geöffnet oder geschlossen)
- Ausstrahlende Kopfschmerzen, Gesichtsschmerzen, Ohrenschmerzen, Nackenschmerzen
- Schwindel, Tinnitus
- Verspannungen in Hals- und Nackenmuskulatur
- Zähneknirschen oder -pressen (Bruxismus)
Ursachen
- Bruxismus (Knirschen, Pressen): häufigster Faktor
- Stress und psychische Belastungen
- Fehlbisse (Okklusionsstörungen)
- Schlechte Haltung (besonders Kopfvorhaltung)
- Schlafstörungen, Schlaf-Apnoe
- Traumata (Unfälle, Stürze)
- Arthrose des Kiefergelenks
- Diskusverlagerungen (Verlagerung der Gelenkscheibe)
- Rheumatoide Arthritis, Lupus
- Tumoren (selten)
Diagnostik
- Anamnese und klinische Untersuchung mit funktioneller Untersuchung des Kausystems
- Untersuchung der Kaumuskulatur, der Halsmuskulatur, der Haltung
- Messung der Mundöffnung
- Auskultation der Kiefergelenke
- Bildgebung: Panoramaschichtaufnahme (OPG), DVT (digitale Volumentomographie), MRT (für Diskus und Weichteile)
- Funktionsanalyse mit Modellen, Achsenbestimmung
- Zusammenarbeit mit Physiotherapeuten und Schmerztherapeuten
Therapie
Konservative Therapie (erste Wahl):
- Schienentherapie: individuell angefertigte Aufbissschiene (Knirscherschiene) aus Kunststoff, oft nachts getragen. Schützt die Zähne, entlastet die Muskulatur und das Gelenk
- Physiotherapie: gezielte Übungen, Massagen, manuelle Therapie der Kaumuskulatur und Halswirbelsäule
- Psychotherapie/Entspannungsverfahren: progressive Muskelentspannung nach Jacobson, autogenes Training, Achtsamkeit, kognitive Verhaltenstherapie
- Wärmeanwendungen auf die Kaumuskulatur
- Medikamente: Muskelrelaxanzien (Diazepam, Tetrazepam, kurzfristig), NSAR, ggf. Antidepressiva in niedriger Dosis (Amitriptylin) bei chronischen Schmerzen
- Botulinumtoxin-Injektionen in die Kaumuskulatur bei schwerem Bruxismus
- Manuelle Mobilisation des Kiefergelenks
- Akupunktur, TENS
Konservative Bisskorrektur:
- Selektives Einschleifen von Frühkontakten (heute weniger angewendet)
- Kieferorthopädische Behandlung
- Restauration von zu niedrigen Zähnen, prothetische Versorgung
Invasive Therapie (nur bei strikten Indikationen):
- Arthrozentese (Gelenkspülung)
- Arthroskopie
- Offene Kiefergelenkchirurgie bei strukturellen Schäden
- Kiefergelenkprothese in Extremfällen
Bruxismus (Zähneknirschen und -pressen)
Unwillkürliche, repetitive Aktivität der Kaumuskulatur. Sehr häufig, vor allem nachts (Schlafbruxismus), aber auch tagsüber (Wachbruxismus).
Folgen
- Abnutzung der Zähne (Abrasionen, Attritionen)
- Frakturen von Zähnen oder Restaurationen
- Kiefergelenkschmerzen, CMD
- Kopfschmerzen, vor allem morgens
- Müdigkeit der Kaumuskulatur, Verspannungen
- Nackenschmerzen
- Zahnempfindlichkeit
- Bei massiver Form: Knochenneubildung am Unterkiefer (Tori), hypertrophe Massetermuskeln
Therapie
- Knirscherschiene für die Nacht (Schutz der Zähne, Entspannung der Muskulatur)
- Stressreduktion: Achtsamkeit, Yoga, Meditation, Sport, ggf. Therapie
- Schlafhygiene: regelmäßige Bettzeiten, kein Bildschirm vor dem Schlafen, Alkohol/Kaffee abends meiden
- Bewusstheit am Tag: Erinnerung "Kiefer entspannen"
- Physiotherapie
- Botulinumtoxin in die Kaumuskulatur bei schwerem Bruxismus
- Behandlung von Schlafstörungen wie Schlaf-Apnoe
Kieferfehlstellungen und Bissanomalien
Strukturelle oder funktionelle Abweichungen vom Normalbiss. Können angeboren, erworben (Daumenlutschen, frühzeitiger Zahnverlust) oder traumatisch sein.
Typische Bissanomalien
- Tiefbiss: obere Schneidezähne überdecken untere zu stark
- Offener Biss: vordere Zähne berühren sich nicht beim Schließen
- Kreuzbiss: untere Zähne stehen vor oberen
- Engstand: zu wenig Platz für alle Zähne
- Diastema: Lücken
- Klasse-II-Verhältnis (Rücklage des Unterkiefers)
- Klasse-III-Verhältnis (Vorlage des Unterkiefers)
Therapie
- Kieferorthopädische Behandlung mit:
- Festen Apparaturen (Brackets, Bändern, Drähten)
- Aligner-Schienen (Invisalign u.a.)
- Herausnehmbare Apparaturen (Aktivatoren) bei Kindern
- Funktionskieferorthopädie für Wachstumssteuerung
- Kieferchirurgie bei schweren Skelettfehlbildungen: kombinierte kieferorthopädisch-chirurgische Behandlung
Kieferhöhlenentzündung (Sinusitis maxillaris)
Entzündung der Oberkieferhöhlen. Kann durch HNO-Ursachen (Schnupfen, Allergie, Polypen) oder odontogene Ursachen (Zähne) verursacht werden.
- Symptome: Druckgefühl unter den Augen, Schmerzen beim Bücken, Kopfschmerzen, Nasensekretion, Geruchsstörung, manchmal Zahnschmerzen
- Odontogene Sinusitis (10-12% aller Sinusitiden): durch entzündete Wurzelspitzen, Wurzelkanalbehandlungen, Zahnextraktionen, Implantate
- Diagnostik: klinische Untersuchung, Röntgen, ggf. CT, Endoskopie
- Therapie: abschwellende Nasentropfen, Antibiotika bei bakterieller Form, Behandlung der zahnärztlichen Ursache, ggf. operative Spülung der Kieferhöhle (Caldwell-Luc, FESS)
Mund-Antrum-Verbindung (MAV)
Verbindung zwischen Mundhöhle und Kieferhöhle, meist nach Zahnextraktion oberer Backenzähne. Patient bemerkt Luftaustritt, Flüssigkeitsaustritt durch die Nase. Therapie: operativer Verschluss (plastische Deckung), Vermeidung von Schnäuzen, Tauchen, Niesen mit geschlossenem Mund.
Kieferzysten und Kiefertumoren
Zysten sind flüssigkeitsgefüllte Hohlräume im Knochen, meist gutartig:
- Radikuläre Zyste: an der Wurzelspitze toter Zähne (häufigste Form)
- Follikuläre Zyste: um nicht durchgebrochene Zähne (Weisheitszähne)
- Keratozysten: aggressiver, höhere Rezidivneigung, manchmal mit Gorlin-Goltz-Syndrom assoziiert
- Residualzysten: nach Zahnentfernung verbliebene Zyste
Tumoren (sehr selten): Ameloblastom (gutartig aber lokal aggressiv), Osteosarkom (bösartig), Plattenepithelkarzinom der Mundhöhle/Kieferhöhle.
Therapie: operative Entfernung (Zystektomie oder Zystostomie), histologische Untersuchung. Bei Tumoren je nach Art chirurgisch, ggf. Strahlentherapie/Chemotherapie.
Kieferfraktur
Bruch des Unter- oder Oberkiefers, meist durch Unfälle, Stürze, Schlägereien, Sport. Symptome: starke Schmerzen, Schwellung, Hämatom, Stufenbildung, gestörter Biss, manchmal Sensibilitätsstörung im Versorgungsgebiet des N. mandibularis (Unterlippe, Kinn).
Therapie: bei einfachen Frakturen Reposition und Schienung über die Zähne (mandibulomaxilläre Fixation), bei komplexen Frakturen operative Plattenosteosynthese (Miniplattenosteosynthese). Antibiotikum, weiche Kost, Nachsorge.
Weisheitszähne
Die Weisheitszähne (3. Molaren) brechen oft zwischen 17 und 25 Jahren durch. Probleme:
- Impaktion: Zahn kommt nicht durch
- Retention: Zahn bleibt im Knochen
- Dentitio difficilis: schmerzhafter Durchbruch mit Entzündung der Zahnfleischtasche
- Karies: schwer erreichbar zur Reinigung
- Engstand oder Druck auf benachbarte Zähne
- Zysten um den retinierten Zahn
Therapie: Indikation zur Entfernung wird individuell beurteilt. Nicht alle Weisheitszähne müssen entfernt werden. Wenn doch: meist ambulanter Eingriff in lokaler Betäubung oder Vollnarkose.
Nach Kieferoperationen: Apothekenservice
In der Rathaus-Apotheke unterstützen wir Sie:
- Kühlpacks für die Heimanwendung nach Eingriffen
- Schmerzmittel: Ibuprofen 400-600 mg (entzündungshemmend) oder Paracetamol; Kombinationen nur kurzfristig
- Antiseptische Mundspülungen: Chlorhexidin 0,2% für die Wundheilung
- Schutzgels: Gengigel, Aloeyer
- Knirscherschienen-Pflegemittel
- Reinigungstabletten für herausnehmbare Apparaturen
- Soft-Food-Empfehlungen (Joghurt, Suppen, Smoothies, weiches Brot)
- Ernährungsergänzungen für die Wundheilung (Vitamin C, Zink, Eiweiß)
- Beratung zur korrekten Anwendung von Wattekugeln, Tupfern, Verbänden
- Erste-Hilfe-Beratung bei Notfällen
Bei Beschwerden im Kieferbereich, die länger als ein paar Tage anhalten, eingeschränkter Mundöffnung, Schwellungen oder bekannten Knirschproblemen, sollten Sie unbedingt einen Spezialisten (Kieferchirurg, CMD-spezialisierter Zahnarzt, Kieferorthopäde) aufsuchen. Wir vermitteln gerne und unterstützen Sie mit den passenden Produkten und Beratung.
