Zahn- und Zahnwurzelerkrankungen
Die Volkskrankheit Karies und ihre Folgen – Pulpitis, apikale Parodontitis, Abszess – gehören weltweit zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt. Karies und ihre Folgeerkrankungen sind ein Hauptgrund für Zahnschmerzen und Zahnverlust. Mit moderner Prophylaxe und Zahnerhaltung sind sie aber zu einem großen Teil vermeidbar und bei rechtzeitiger Behandlung gut therapierbar.
Aufbau des Zahnes
- Zahnschmelz: härteste Substanz des Körpers, schützt die Krone
- Dentin (Zahnbein): unter dem Schmelz, weniger hart, durchzogen von feinen Kanälchen
- Pulpa (Zahnnerv): im Inneren des Zahns, enthält Blutgefäße und Nerven
- Wurzelzement: dünne Schicht auf der Wurzeloberfläche
- Wurzelkanal: Hohlraum in der Wurzel, durch den die Pulpa zur Wurzelspitze verläuft
Karies (Zahnfäule)
Karies ist eine multifaktorielle, lokale Erkrankung, bei der durch Bakterien aus dem Plaquebelag Säuren entstehen, die den Zahnschmelz und das Dentin demineralisieren und schließlich zerstören.
Stadien
- Initialkaries (caries incipiens): weiße Flecken (Demineralisationszone), noch reversibel mit Fluorid
- Caries superficialis: Kavität im Schmelz, oberflächlich
- Caries media: erreicht das Dentin, oft empfindlich
- Caries profunda: tiefe Karies bis nahe an die Pulpa, oft Schmerzen
- Caries penetrans: Karies erreicht die Pulpa, akute Schmerzen
Lokalisationen
- Fissurenkaries: in den Vertiefungen der Kauflächen
- Approximalkaries: zwischen den Zähnen (Zahnzwischenräume)
- Wurzelkaries: an freiliegenden Wurzeloberflächen (bei Zahnfleischrückgang)
- Sekundärkaries: am Rand von Füllungen oder Kronen
Risikofaktoren
- Unzureichende Mundhygiene
- Zuckerreiche Ernährung (besonders häufige Zwischenmahlzeiten mit Süßigkeiten)
- Geringe Speichelproduktion
- Schlechte Zahnstellung (Engstand, schwer zu reinigende Bereiche)
- Mangelhafte oder unwirksame Fluoridversorgung
- Genetische Faktoren (Schmelzqualität)
- Manche Erkrankungen (Diabetes, gastroösophagealer Reflux)
- Medikamente, die Mundtrockenheit verursachen
- Bestimmte Berufsgruppen (Bäcker, Konditoren, Sommeliers)
Symptome
- Initialkaries oft beschwerdefrei (nur sichtbar als weiße/braune Flecken)
- Empfindlichkeit auf Süßes
- Empfindlichkeit auf Kälte und Wärme
- Schmerzen bei Süßem, Kaltem oder Heißem, die nachlassen, wenn der Reiz entfernt wird
- Tiefe Karies kann ohne Therapie zur Pulpitis fortschreiten
Diagnose
- Inspektion und Sondierung beim Zahnarzt
- Röntgenbilder (Bissflügel-Aufnahmen) zeigen Approximalkaries
- Lasergestützte Diagnostik (DiagnoDent), faseroptisches Durchleuchten
- Detektorlösungen (Caries Detector) bei Behandlung
Therapie
- Initialkaries: Remineralisation durch Fluorid (hochkonzentrierte Lacke, Gele), verbesserte Mundhygiene und Ernährung. Versiegelung der Fissuren.
- Manifeste Karies: Entfernung des erkrankten Gewebes und Aufbau mit:
- Komposit (Kunststoff): zahnfarbene Direktfüllung, häufigste Wahl
- Inlays/Onlays aus Keramik oder Gold (laborgefertigt)
- Glasionomerzement: für Wurzelkaries, Milchzähne, temporär
- Amalgam: kaum noch verwendet
- Krone bei sehr großen Defekten
- Erreicht die Karies die Pulpa: Wurzelkanalbehandlung notwendig
Pulpitis (Zahnnerventzündung)
Entzündung der Zahnpulpa, meist Folge einer tief reichenden Karies. Auch traumatisch (Schlag), thermisch (zu starke Erwärmung beim Schleifen) oder chemisch möglich.
Formen und Symptome
- Reversible Pulpitis: kurzer, scharfer Schmerz auf Reiz (kalt, süß), lässt sofort nach. Heilt mit Therapie der Karies.
- Irreversible Pulpitis: spontane, lang anhaltende, oft pulsierende Schmerzen, vor allem nachts, durch Wärme verstärkt, durch Kälte vorübergehend gelindert. Nur durch Wurzelkanalbehandlung oder Zahnextraktion zu heilen.
- Pulpanekrose: Absterben der Pulpa, oft schmerzfrei. Folge: bakterielle Besiedlung des Wurzelkanals, später apikale Entzündung.
Apikale Parodontitis (Wurzelspitzenentzündung)
Entzündung des Gewebes um die Wurzelspitze, meist Folge einer bakteriell besiedelten Pulpanekrose. Bakterien aus dem Wurzelkanal treten durch das Foramen apicale ins umliegende Gewebe aus.
Formen
- Akut: starke Schmerzen, Druckempfindlichkeit beim Aufbeißen, "länger gewordener Zahn", Schwellung möglich
- Chronisch: oft asymptomatisch, im Röntgen sichtbare Aufhellung an der Wurzelspitze (apikale Parodontitis, Granulom oder Zyste)
Zahnabszess
Eiteransammlung infolge einer bakteriellen Infektion. Sehr schmerzhaft, ohne Therapie potentiell gefährlich (Ausbreitung in Logen, Sepsis).
Symptome: starke pochende Schmerzen, Schwellung des Gesichts, Rötung, Wärme, oft Fieber, allgemeines Krankheitsgefühl. Schwellung kann sich rapide ausbreiten.
Therapie: Inzision und Drainage durch den Zahnarzt, Wurzelkanalbehandlung oder Zahnextraktion, ggf. Antibiotikum (Amoxicillin oder Clindamycin bei Penicillinallergie). Im Notfall in die zahnärztliche Notaufnahme.
Wurzelkanalbehandlung (Endodontie)
Methode zur Erhaltung von Zähnen mit erkrankter Pulpa. Bei Erfolg eine sehr verlässliche Therapie mit Erfolgsraten von 80-95%.
Ablauf
- Lokale Betäubung
- Anlegen eines Spanngummis (Kofferdam) zur Isolation
- Eröffnung der Pulpa durch das Schmelzdach
- Mechanische Aufbereitung der Wurzelkanäle (Entfernung der Pulpa, Erweiterung mit feinen Feilen, möglicherweise maschinell)
- Chemische Spülung mit Natriumhypochlorit, EDTA, Chlorhexidin zur Desinfektion
- Trocknung und Wurzelfüllung mit Guttapercha und Sealer
- Versiegelung der Krone
- Endgültige Restauration (oft Krone) zur Stabilisierung des spröden Zahns
Erweiterte Verfahren
- Mikroskopische Endodontie: deutlich höhere Erfolgsraten
- Maschinelle Aufbereitung mit Nickel-Titan-Instrumenten
- Endometrie: elektronische Längenbestimmung des Wurzelkanals
- Spüldynamik: Schall- oder Ultraschall-aktivierte Spülung
- Bei Misserfolg: Revisionsbehandlung oder Wurzelspitzenresektion (apikale Chirurgie)
Zahntrauma
Verletzungen der Zähne, besonders bei Kindern und Jugendlichen durch Stürze, Sport, Unfälle.
Formen
- Schmelzfraktur: Bruch im Schmelz, meist nur kosmetisch
- Schmelz-Dentin-Fraktur: tieferer Bruch, schmerzhaft
- Pulpaeröffnung: ärztlicher Notfall, schnelle Therapie wichtig
- Kronenwurzelfraktur
- Wurzelfraktur
- Dislokation (Lockerung)
- Avulsion (Zahn vollständig ausgeschlagen)
Erste Hilfe bei avulsiertem Zahn
- Zahn nur an der Krone fassen, nicht an der Wurzel!
- Bei Verschmutzung kurz mit Wasser oder physiologischer Kochsalzlösung abspülen, nicht trocknen, nicht abwischen
- Zahn in feuchter Umgebung lagern: spezielle Zahnrettungsbox (Dentosafe, SOS-Zahnbox) – ideal! In Apotheken zu kaufen, sollten in Schulen, Sportvereinen verfügbar sein
- Alternativ: H-Milch (lange haltbar), kalte Milch, physiologische Kochsalzlösung, in den Mund (Wangentasche, Speichel)
- NICHT in Wasser, das schadet den Wurzelhautzellen
- Sofort zum Zahnarzt oder zahnärztlichen Notdienst!
- Wiedereinsetzen sollte idealerweise innerhalb von 30-60 Minuten erfolgen
Zahnschmerz: was tun bis zum Zahnarzttermin?
- NSAR (Ibuprofen 400-600 mg alle 6-8 h) oder Paracetamol
- Lokale Kälte von außen
- Mund mit lauwarmem Salzwasser spülen
- Schmerzhafte Seite nicht zum Kauen verwenden
- Aufrechte Schlafposition (Schmerz beim Liegen meist stärker)
- Keine Aspirin direkt auf das Zahnfleisch legen (Verätzungsgefahr)
- Nelkenöl auf einen Wattetupfer und auf den schmerzenden Zahn legen (kann lindern, professionelle Therapie nicht ersetzen)
- Schnellstmöglich zum Zahnarzt!
Empfindliche Zahnhälse
Schmerzen bei Berührung, Kälte, Wärme, Süßem, Säurem an freiliegenden Zahnhälsen (durch Zahnfleischrückgang oder Schmelzdefekt).
- Spezielle Zahnpasten und Gels (Nitratkalium, Strontiumchlorid, Hydroxyapatit, Zinnfluorid)
- Marken: Sensodyne, Elmex Sensitive Professional, Lacer Sensitive, Vitis Sensitive
- Mundspülungen für sensible Zähne
- Eintragung des sensiblen Zahnhalses mit Fluoridlack durch den Zahnarzt
- Bei großem Defekt: Komposit-Restauration
Prophylaxe
Häusliche Hygiene
- 2× täglich 2 Min Zähneputzen mit fluoridhaltiger Pasta (1000-1450 ppm für Erwachsene)
- Zahnseide oder Interdentalbürsten täglich
- Fluoridierte Mundspülung 1-2 Min
- Zahnbürste alle 3 Monate wechseln
Professionelle Maßnahmen
- Halbjährliche zahnärztliche Kontrolle
- Professionelle Zahnreinigung 1-2× jährlich
- Fissurenversiegelung bei Kindern und Jugendlichen (Krankenkasse zahlt für Sechser ab 6 Jahren)
- Fluoridlack-Applikation bei erhöhtem Kariesrisiko
- Frühzeitige Diagnose von Karies durch Röntgen-Bissflügel-Aufnahmen alle 1-3 Jahre
Ernährung
- Hauptmahlzeiten als "Süßigkeiten-Erlaubnis" (nicht Zwischenmahlzeiten)
- Nach Süßem oder Saurem 30-60 Min warten vor dem Zähneputzen (Schmelz weich)
- Zuckerfreie Kaugummis mit Xylit nach den Mahlzeiten
- Ausreichend Fluorid (über Speisesalz und Wasser ggf. ausreichend)
- Käse nach den Mahlzeiten neutralisiert Säuren
- Wasser statt zuckerhaltiger Getränke
- Vorsicht mit "gesunden" Snacks (Trockenfrüchte, Müsli, Frucht-Smoothies) – oft hoch in Zucker und klebrig
Unterstützung in der Apotheke
In der Rathaus-Apotheke führen wir alles für die Zahngesundheit:
- Fluoridierte Zahnpasten aller Konzentrationen (Kinder, Erwachsene, hochdosiert für Risikopatienten)
- Spezialzahnpasten für sensible Zähne, Karies-Prophylaxe, Erosion-Schutz
- Mundspülungen mit Fluorid, Chlorhexidin, ätherischen Ölen
- Zahnpflegeprodukte mit Hydroxyapatit als fluoridfreie Alternative
- Zahnbürsten (manuell und elektrisch) für jeden Bedarf
- Interdentalbürsten und Zahnseide
- Xylit-Kaugummis und -Lutschtabletten
- Dentosafe (Zahnrettungsbox) für die Sporttasche und das Auto
- Schmerzmittel bei akuten Zahnbeschwerden (Ibuprofen, Paracetamol)
- Nelkenöl und Mundgele zur Überbrückung bis zum Zahnarzttermin
- Zahnersatzpflegemittel (Corega, Polident)
- Schienenpflege für Knirscherschienen
- Spezialprodukte für Diabetiker, Schwangere, Senioren mit erhöhtem Kariesrisiko
Eine konsequente Prophylaxe ist der Schlüssel zur langfristigen Zahngesundheit. Wir freuen uns, Sie zu beraten und Ihnen die richtigen Produkte für Ihre individuelle Situation zu empfehlen.
