Parodontologie


Die Parodontologie befasst sich mit den Erkrankungen des Zahnhalteapparats (Parodontium): Zahnfleisch, Wurzelhaut, Wurzelzement und Kieferknochen, die den Zahn umgeben und im Knochen verankern. Eine Parodontitis ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen weltweit und die häufigste Ursache für Zahnverlust im Erwachsenenalter. Die gute Nachricht: sie ist heute mit modernen Methoden gut behandelbar – und vor allem vermeidbar.

Anatomie des Zahnhalteapparats

  • Gingiva (Zahnfleisch): umgibt den Zahn und schützt den darunterliegenden Knochen
  • Sulcus gingivalis: normale Furche zwischen Zahn und Zahnfleisch (1-3 mm)
  • Desmodont (Wurzelhaut): Bindegewebe zwischen Zahnwurzel und Knochen, mit Sharpey-Fasern verankert
  • Wurzelzement: dünne, knochenähnliche Schicht auf der Zahnwurzel
  • Alveolarknochen: der Teil des Kieferknochens, in dem die Zahnwurzel sitzt

Gingivitis (Zahnfleischentzündung)

Reversible Entzündung des Zahnfleisches ohne Verlust von Stützgewebe.

Symptome

  • Gerötetes, geschwollenes Zahnfleisch
  • Zahnfleischbluten beim Zähneputzen oder beim Essen harter Speisen (z.B. Äpfel)
  • Mundgeruch
  • Selten Schmerzen

Ursache

Bakterieller Plaquebelag entlang der Zahnfleischlinie. Begünstigende Faktoren: Hormonelle Veränderungen (Pubertät, Schwangerschaft, Pille, Menopause), Medikamente (Kalziumantagonisten, manche Antiepileptika, Immunsuppressiva), Mundatmung, Kieferorthopädie, schlechte Ernährung, Vitamin-C-Mangel (Skorbut).

Therapie

  • Gründliche professionelle Zahnreinigung
  • Verbesserte häusliche Mundhygiene (Putztechnik, Zahnseide/Interdentalbürsten)
  • Chlorhexidin-Mundspülungen (0,12% kurzzeitig 1-2 Wochen oder 0,05-0,06% langfristig)
  • Kontrolle und Behandlung der begünstigenden Faktoren

Bei adäquater Therapie heilt die Gingivitis vollständig aus.

Parodontitis (Zahnbettentzündung)

Chronische, multifaktorielle Erkrankung mit Entzündung und destruktivem Verlust von Stützgewebe. Unbehandelt führt sie zu Knochenabbau, Zahnlockerung und Zahnverlust. Etwa 50% der Erwachsenen weisen Anzeichen einer Parodontitis auf.

Risikofaktoren

  • Mikrobielle: spezifische Erregerkombination (Aggregatibacter actinomycetemcomitans, Porphyromonas gingivalis, Tannerella forsythia – "Red Complex")
  • Verhalten: unzureichende Mundhygiene, Rauchen (verdoppelt das Risiko!), Stress
  • Systemische Faktoren: Diabetes (besonders schlecht eingestellt), Adipositas, Osteoporose, Immunsuppression, hormonelle Faktoren
  • Genetik: familiäre Häufung
  • Lokale Faktoren: Engstand, undichte Füllungen/Kronen, kieferorthopädische Apparaturen

Klassifikation (neu seit 2018)

Stadien I-IV (Schweregrad und Komplexität), Grade A-C (Progressionsrisiko), zusätzlich Beschreibung der Ausdehnung. Vereinfacht:

  • Chronische Parodontitis: häufige Form, langsame Progression, vor allem ab 40 Jahren
  • Aggressive Parodontitis (juvenil): seltener, jung beginnend, schnelle Knochendestruktion
  • Parodontitis als Manifestation systemischer Erkrankungen
  • Nekrotisierende Parodontalerkrankungen: sehr selten, bei immunsupprimierten Patienten

Symptome

  • Zahnfleischbluten
  • Mundgeruch
  • Schlechter Geschmack
  • Zahnfleischrückgang (rezession), längere Zähne
  • Empfindliche Zähne (durch freigelegte Wurzeln)
  • Zahnlockerung
  • Eiteraustritt aus Zahnfleischtaschen
  • Veränderte Zahnstellung, Lückenbildung
  • Zahnverlust in fortgeschrittenen Stadien

Diagnostik

  • Anamnese und klinische Untersuchung
  • Parodontaler Befund (PSI): Screening mit standardisierter Sonde an mehreren Stellen pro Zahn, Messung der Sondierungstiefen, Bluten auf Sondierung (BOP), Plaque-Index, Mobilität
  • Röntgenbilder (OPG, Zahnfilme): Knochenabbau sichtbar
  • Mikrobiologische Tests bei aggressiven Formen oder Therapieresistenz
  • Genetische Tests in Einzelfällen (IL-1-Polymorphismus)
  • Bei Diabetes-Verdacht: HbA1c bestimmen lassen

Therapie – Stufenkonzept

Stufe 1: Vorbehandlung und Information

  • Aufklärung über Krankheit, Risikofaktoren, Mitarbeit
  • Mundhygieneschulung mit individuellen Hilfsmitteln
  • Professionelle Zahnreinigung (PZR)
  • Karies-Sanierung, Beseitigung störender Faktoren
  • Beratung zu Rauchstopp, Diabetes-Einstellung

Stufe 2: Subgingivale Reinigung (Scaling and Root Planing)

  • Gründliche, professionelle Reinigung der Wurzeloberflächen unter dem Zahnfleisch
  • Entfernung von Konkrementen (harter Zahnstein) und Belag
  • Glättung der Wurzeloberflächen
  • Häufig unter lokaler Betäubung, eventuell in mehreren Sitzungen
  • Ergänzend: lokale Antibiotika in tiefe Taschen (Gel, Mikrokugeln)
  • Bei aggressiven Formen: systemische Antibiotika (Amoxicillin + Metronidazol)

Stufe 3: Re-Evaluation und ggf. chirurgische Therapie

  • Erfolgskontrolle nach 6-8 Wochen
  • Bei verbleibenden tiefen Taschen (> 5 mm): parodontalchirurgische Eingriffe
  • Lappenoperationen mit Reinigung unter Sicht
  • Regenerative Verfahren: GTR (gesteuerte Geweberegeneration), Schmelzmatrix-Proteine (Emdogain), Knochenaufbau
  • Resektive Verfahren bei stark zerstörtem Knochen
  • Plastische Parodontologie: Zahnfleischtransplantate bei Rezessionen

Stufe 4: Unterstützende Parodontitistherapie (UPT, Nachsorge)

  • Lebenslang!
  • Individuell festgelegtes Intervall (3-6 Monate)
  • Bei jedem Termin: Bewertung, professionelle Reinigung, ggf. nachbearbeitende Therapie
  • Patienten ohne UPT haben ein deutlich erhöhtes Rezidivrisiko

Periimplantitis

Entzündung um ein Zahnimplantat herum mit Knochenabbau. Vergleichbar mit Parodontitis, aber an Implantaten. Häufiger als allgemein angenommen (10-20% der Implantatträger).

Vorstufe: Periimplantäre Mukositis – Entzündung ohne Knochenabbau, reversibel.

Risikofaktoren: Mundhygiene schlecht, Vorerkrankung Parodontitis, Rauchen, Diabetes, Implantatdesign, Zementreste.

Therapie: Reinigung mit speziellen Instrumenten (keine Stahlinstrumente an Implantaten!), antiseptische Spülungen, ggf. lokale Antibiotika, in fortgeschrittenen Fällen chirurgische Sanierung. Schwierig zu behandeln, daher wichtig: Vorbeugung durch regelmäßige Implantatreinigung in der Praxis und gute häusliche Hygiene.

Parodontitis als systemische Erkrankung

Parodontitis ist nicht nur ein lokales Problem des Mundes, sondern hat Einfluss auf den gesamten Körper. Wissenschaftlich gut belegte Zusammenhänge:

  • Diabetes: bidirektionale Beziehung – schlecht eingestellter Diabetes verschlechtert die Parodontitis und umgekehrt
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall
  • Schwangerschaft: erhöhtes Risiko für Frühgeburten und Geburten mit niedrigem Geburtsgewicht
  • Atemwegserkrankungen: Aspirationspneumonien, COPD-Exazerbationen
  • Rheumatoide Arthritis
  • Alzheimer-Demenz: diskutierte Assoziation
  • Nierenerkrankungen

Daher: Parodontaltherapie ist auch Allgemeinmedizin!

Prävention

Häusliche Mundhygiene

  • 2× täglich Zähne putzen, 2-3 Minuten, mit fluorhaltiger Zahnpasta
  • Sanfte Putztechnik (modifizierte Bass-Technik), kein "schrubben"
  • Zwischenraumhygiene täglich: Zahnseide oder Interdentalbürsten je nach Zahnzwischenraum
  • Antiseptische Mundspülung 1-2x/Tag (Cetylpyridiniumchlorid, ätherische Öle, kurzzeitig Chlorhexidin)
  • Zungenreiniger täglich
  • Zahnbürste alle 3 Monate wechseln

Professionelle Maßnahmen

  • Halbjährliche zahnärztliche Kontrollen
  • Professionelle Zahnreinigung (PZR) 1-2× jährlich bei gesunden Patienten, häufiger bei Risikopatienten
  • PSI-Screening alle 2 Jahre bei Erwachsenen

Lebensstil

  • Nichtrauchen oder Rauchstopp – wichtigster Einzelfaktor!
  • Diabetes optimal einstellen (HbA1c < 7%)
  • Gesunde, ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitamin C, D, Calcium
  • Stressmanagement
  • Ausreichend Schlaf
  • Übergewicht reduzieren

Apothekenbeitrag zur Parodontalgesundheit

In der Rathaus-Apotheke bieten wir Ihnen ein umfangreiches Sortiment zur parodontalen Gesundheit:

  • Spezielle Zahnpasten für Zahnfleisch (Lactoferrin, Aminocaproat, Zinn-/Zinkverbindungen, Triclosan, Stannous Fluoride): Parodontax, Meridol, GUM Paroex, Sensodyne Repair & Protect, Lacer Encías
  • Chlorhexidin-Mundspülungen: Perio-Aid, Lacer Oros, Periogard (rezeptfrei bis 0,2%, höhere Konzentrationen auf Rezept)
  • Erhaltungsmundspülungen: Meridol, Listerine, GUM Original White
  • Spezialzahnbürsten für sensible Zahnfleischpatienten: Curaprox CS5460, GUM Sensitive, TePe Soft
  • Interdentalbürsten in vielen Größen (Curaprox, TePe, GUM, Oral-B)
  • Zahnseide verschiedener Typen
  • Lokale antimikrobielle Produkte: Gengigel, PerioChip (auf Rezept)
  • Implantatpflege: spezielle Bürsten, antiseptische Gels (Curasept ADS)
  • Beratung zur Putztechnik und Demonstration
  • Vitaminpräparate: Vitamin C, Vitamin D, Coenzym Q10
  • Mundpflege für Diabetiker, Schwangere, Senioren, Krebspatienten mit spezifischen Bedürfnissen

Parodontitis ist eine chronische Krankheit – aber sie ist behandelbar und vor allem vermeidbar. Investieren Sie in Ihre Mundgesundheit: Sie investieren in Ihre Allgemeingesundheit, in Lebensqualität und in die Erhaltung Ihrer eigenen Zähne. Wir freuen uns, Sie mit Sachverstand und persönlicher Beratung zu begleiten.

Parodontitis-Beratung

Professionelle Mundhygiene für Risikopatienten.

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