Weitere neurologische Beschwerden und Erkrankungen
Neben den großen Krankheitsbildern wie Schlaganfall, Demenz oder Parkinson gibt es eine Reihe weiterer neurologischer Erkrankungen, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen können. In diesem Artikel beleuchten wir die häufigsten: Polyneuropathien, Engpasssyndrome, Schwindel, Restless-Legs-Syndrom, Gesichtslähmungen und vieles mehr.
Polyneuropathie
Erkrankung mehrerer peripherer Nerven gleichzeitig. Etwa 5-8% der über 55-Jährigen sind betroffen.
Ursachen
- Diabetes mellitus: häufigste Ursache (bis zu 50% der Diabetiker)
- Alkohol: chronischer Konsum, oft kombiniert mit Vitaminmangel
- Vitamin-B12-Mangel: Veganer, Magenoperierte, ältere Menschen, Metformin-Therapie
- Toxisch: Schwermetalle, manche Medikamente (Chemotherapeutika, Amiodaron, Statine)
- Autoimmun: Guillain-Barré-Syndrom, CIDP (chronisch entzündliche demyelinisierende Polyneuropathie)
- Erblich: Charcot-Marie-Tooth-Syndrom
- Paraneoplastisch: bei Krebserkrankungen
- Infektiös: HIV, Borreliose, Lepra
Symptome
- Kribbeln, Brennen, Stechen in Händen oder Füßen ("Ameisenlaufen")
- Taubheitsgefühl, "Wie auf Watte gehen"
- Schmerzen, oft nachts verstärkt
- Symmetrisch beginnend "strumpfförmig" an den Füßen, später aufsteigend
- Muskelschwäche, Gangunsicherheit, Stürze
- Verminderte Reflexe
- Autonome Störungen: Hypotonie, Verdauungsstörungen, Blasenstörungen, erektile Dysfunktion
- Schmerzhafte Krämpfe
Diagnose
- Anamnese und körperliche Untersuchung (Reflexe, Sensibilität)
- Labor: Blutzucker, HbA1c, Vitamin B12, Folsäure, Schilddrüse, Leber-/Nierenwerte, Vitamin B1, Schwermetalle, Antikörper
- Elektroneurographie (NLG) und Elektromyographie (EMG)
- ggf. Nerven- oder Hautbiopsie
- Liquoruntersuchung bei Verdacht auf entzündliche Form
Therapie
- Ursachenbezogen: optimale Diabeteseinstellung, Alkoholverzicht, B12-Substitution, Behandlung autoimmuner Formen mit Immunglobulinen oder Immunsuppressiva
- Symptomatisch:
- Antikonvulsiva: Gabapentin, Pregabalin (oft erste Wahl)
- Antidepressiva: Amitriptylin, Duloxetin
- Bei lokalen Schmerzen: Capsaicin-Pflaster (Qutenza), Lidocain-Pflaster (Versatis)
- Vitamin-B-Komplex: Milgamma, Benfotiamin (besonders bei diabetischer Form)
- Alpha-Liponsäure 600 mg/Tag (gute Evidenz bei diabetischer Polyneuropathie)
- Physio-, Ergotherapie: Erhalt der Funktion, Sturzprophylaxe
- Akupunktur, TENS: bei chronischen Schmerzen
- Kontrolle alle 6-12 Monate
Karpaltunnelsyndrom
Häufigstes Engpasssyndrom. Der Nervus medianus wird im Karpaltunnel an der Handgelenkbeugeseite eingeengt.
Symptome
- Kribbeln, Taubheit der Finger 1-4 (besonders Daumen, Zeige-, Mittelfinger)
- Schmerzen, vor allem nachts (typisch: aus dem Schlaf weckende Beschwerden)
- Verlust der Feinmotorik
- Schwäche der Daumenballenmuskulatur (in fortgeschrittenen Fällen)
- Tinel-Zeichen (Klopfen auf das Handgelenk löst Kribbeln aus)
- Phalen-Test positiv (Hände im rechten Winkel halten löst Beschwerden aus)
Risikofaktoren
- Repetitive Handgelenktätigkeiten
- Computerarbeit
- Schwangerschaft
- Übergewicht
- Diabetes
- Hypothyreose
- Rheumatoide Arthritis
Therapie
- Konservativ (besonders in frühen Stadien):
- Nachtschiene zur Ruhigstellung in Neutralposition
- Ergonomische Anpassungen am Arbeitsplatz
- NSAR oral oder lokal
- Kortison-Injektion in den Karpaltunnel
- Physiotherapie, Mobilisation
- Operativ (bei Therapieresistenz oder Muskelatrophie):
- Spaltung des Retinaculum flexorum (Operation des Karpaltunnels), endoskopisch oder offen
- Ambulanter Eingriff in lokaler Anästhesie
- Sehr gute Erfolgsrate (> 90%)
Trigeminusneuralgie
Extrem starke, blitzartige Gesichtsschmerzen, oft einseitig, durch Triggerpunkte ausgelöst (Sprechen, Kauen, Zähneputzen, Wind). Häufig durch ein anliegendes Gefäß am Nervus trigeminus verursacht.
Therapie:
- Carbamazepin (erste Wahl)
- Oxcarbazepin
- Lamotrigin, Pregabalin als Reserve
- Botulinumtoxin-Injektion
- Bei Therapieresistenz: mikrovaskuläre Dekompression nach Jannetta (Operation), Thermokoagulation, Glycerol-Rhizotomie, Gamma-Knife-Therapie
Bell-Parese (idiopathische Fazialisparese)
Akute einseitige Lähmung des Gesichtsnerven (N. facialis). Häufige Erkrankung (30/100.000 pro Jahr).
Symptome
- Einseitige Lähmung der Gesichtsmuskulatur
- Hängender Mundwinkel, hängende Augenlid auf einer Seite
- Augenschluss nicht mehr möglich (Lagophthalmus)
- Stirnrunzeln gestört
- Manchmal Geschmacksstörung an den vorderen 2/3 der Zunge
- Verstärkte Geräuschempfindlichkeit (Hyperakusis)
- Schmerzen hinter dem Ohr vor Beginn
Ursachen
- Idiopathisch (häufigste Form, vermutlich virale Reaktivierung)
- Herpes-Zoster (Ramsay-Hunt-Syndrom): mit Bläschen am Ohr
- Borreliose
- Tumor (Akustikusneurinom, Karzinom der Parotis)
- Trauma
- Mittelohrentzündung
- Multiple Sklerose
Therapie
- Kortikosteroide hochdosiert in den ersten 72 Stunden (Prednisolon 60 mg/Tag absteigend über 7-10 Tage)
- Bei Verdacht auf Herpes: zusätzlich Aciclovir oder Valaciclovir
- Bei Borreliose: Ceftriaxon iv. oder Doxycyclin oral
- Augenpflege: künstliche Tränen, Augensalbe nachts, Uhrglasverband zum Schutz vor Hornhautschäden
- Physiotherapie: Mimik-Übungen, EMG-Biofeedback
- Prognose meist gut, 70-80% komplette Erholung
Restless-Legs-Syndrom (RLS, Ekbom-Syndrom)
Häufige neurologische Erkrankung mit unangenehmen Sensationen in den Beinen und Bewegungsdrang.
Diagnosekriterien
- Drang, die Beine zu bewegen
- Auftreten in Ruhe
- Besserung durch Bewegung
- Abendliche oder nächtliche Verschlechterung
Symptome
- Kribbeln, Ziehen, Brennen, "Ameisenlaufen" in den Beinen
- Drang, die Beine zu bewegen (manchmal auch Arme)
- Schwierigkeiten beim Einschlafen und Durchschlafen
- Müdigkeit am Tag
- Sekundäre Depression möglich
Ursachen
- Idiopathisch (genetisch)
- Eisenmangel (häufig!)
- Schwangerschaft
- Niereninsuffizienz, Urämie
- Periphere Neuropathie
- Manche Medikamente: SSRI, Antihistaminika, manche Neuroleptika
Therapie
- Eisensubstitution bei nachgewiesenem Mangel (Ferritin < 75 µg/L)
- Lebensstil: Vermeidung von Koffein, Alkohol, Nikotin abends; regelmäßige Bewegung; warme/kalte Bäder
- Dopaminagonisten: Pramipexol (Sifrol), Ropinirol, Rotigotin-Pflaster
- Alpha-2-delta-Liganden: Pregabalin, Gabapentin
- Opioide in schweren Fällen (Oxycodon, Methadon)
- L-Dopa für kurzfristige Anwendung (Vorsicht wegen Augmentation)
- Auslösende Medikamente identifizieren und meiden
Schwindel
Sehr häufiges Symptom mit vielen möglichen Ursachen.
Formen
- Drehschwindel: Karussellgefühl, oft Ohrenursache (BPLS, Morbus Meniere, Vestibulopathie, Neuritis vestibularis)
- Schwankschwindel: Boden- oder Schiffsschwanken, oft zentral oder psychogen
- Benommenheitsschwindel: "Wattegefühl", oft kreislaufbedingt
- Liftschwindel: Sinken/Heben, selten
Häufige Ursachen
- Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS): Otolithen im Bogengang, sekundenlange Drehschwindelattacken bei Lagewechsel. Therapie: Befreiungsmanöver (Epley)
- Morbus Meniere: episodisch, mit Hörverlust und Tinnitus. Therapie: Betahistin, Diuretika, kochsalzarme Diät
- Neuritis vestibularis: akute Vestibularentzündung, tagelanger Drehschwindel. Therapie: Kortikosteroide, vestibuläres Training
- Vestibuläre Migräne: Schwindel + Migräne-Charakteristika
- Phobischer Schwankschwindel: psychogen, häufig
- Orthostatische Hypotonie: beim Aufstehen
- Zentrale Ursachen: Schlaganfall (im Hirnstamm/Kleinhirn), MS, Tumor
- Medikamente: Schleifendiuretika, Aminoglykoside (toxisch für Innenohr), manche Antibiotika, Antihypertensiva
Diagnose und Therapie
Differentialdiagnostik schwierig – bei akutem Schwindel zur HNO oder zum Neurologen. Apothekenprodukte: Cinnarizin/Dimenhydrinat (Stugeron, Vomex) für akute Übelkeit/Schwindel; pflanzliche Mittel mit Ginkgo bei chronischen Symptomen.
Chronische Spannungs-Kopfschmerzen
Häufigste Kopfschmerzform. Beidseitig, drückend wie ein "Schraubstock", mittlere Intensität, nicht pulsierend, ohne Übelkeit. Auslöser: Stress, Verspannung, Schlafmangel.
Therapie:
- Akut: NSAR (Ibuprofen, ASS, Naproxen), Paracetamol – Vorsicht vor Übergebrauch
- Pfefferminzöl topisch auf Stirn und Schläfen
- Bei chronischen Beschwerden: trizyklische Antidepressiva (Amitriptylin), Akupunktur, kognitive Verhaltenstherapie, Entspannungsverfahren, regelmäßige Bewegung, Stressreduktion
Medikamenten-Übergebrauchskopfschmerz
Folge von zu häufigem Einnehmen von Schmerzmitteln (mehr als 15 Tage/Monat einfache Analgetika oder > 10 Tage/Monat Triptane). Therapie: Medikamentenpause, übergangsweise Kortison, Prophylaxe-Therapie etablieren, Selbsthilfegruppen.
Tics und Tourette-Syndrom
Beschrieben unter Anfallskrankheiten.
Schädel-Hirn-Trauma (SHT) und Postkommotionssyndrom
Nach Kopfverletzungen können langwierige Beschwerden auftreten: Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Reizbarkeit, Depression. Bei Verdacht auf Hirnverletzung immer ärztliche Abklärung. Sekundärprävention von Posttraumatischer Epilepsie.
Schlafstörungen
Häufig in der Bevölkerung. Wichtige Formen:
- Insomnie: Schwierigkeit beim Ein- und/oder Durchschlafen
- Obstruktive Schlafapnoe: nächtliche Atemaussetzer, lautes Schnarchen, Tagesmüdigkeit. Therapie: CPAP-Maske, ggf. Operation
- Restless-Legs (siehe oben)
- Narkolepsie: Tagesschläfrigkeit, Kataplexie. Therapie: Modafinil, Pitolisant, Natriumoxybat
- Parasomnien: Schlafwandeln, REM-Schlaf-Verhaltensstörung (kann Frühzeichen für Parkinson sein), Pavor nocturnus, Albträume
Neurologische Notfälle
Sofort Notarzt (112) rufen bei:
- Verdacht auf Schlaganfall (FAST-Regel)
- Schwerem Kopftrauma
- Krampfanfall > 5 Min oder mehrere Anfälle
- Akuter starker Kopfschmerz "wie noch nie" (Verdacht auf Subarachnoidalblutung)
- Akuter Halbseitenausfall, Sprachstörung
- Akuter Bewusstseinsverlust
- Akute, starke Sehstörung
- Verdacht auf Meningitis (Nackensteifigkeit + hohes Fieber + Kopfschmerzen)
- Status epilepticus
Apothekenservice bei neurologischen Erkrankungen
In der Rathaus-Apotheke unterstützen wir neurologisch Erkrankte und ihre Angehörigen:
- Neuropathische Schmerztherapie: Gabapentin, Pregabalin, Capsaicin-Pflaster (Qutenza), Lidocain-Pflaster (Versatis)
- Magnesium-Präparate bei Krämpfen, Spannungskopfschmerzen, Migräne-Prophylaxe
- Vitamin-B-Komplex, Alpha-Liponsäure bei Polyneuropathien
- Eisenstatus wichtig bei Restless-Legs-Syndrom
- Augenpflege bei Fazialisparese (künstliche Tränen, Augensalben, Uhrglasverbände)
- Mundtrockenheits-Produkte bei Sjögren oder als Nebenwirkung
- Schmerzpflaster für lokale Anwendung
- Schlafhygiene-Beratung, Melatonin, pflanzliche Mittel
- Reisetabletten für Schwindel
- Hilfsmittel für Mobilität, Sturzprophylaxe
- Beratung zu Antikonvulsiva und deren korrekter Einnahme
- Stressmanagement-Empfehlungen
- Vermittlung an Spezialisten und Selbsthilfegruppen
Neurologische Erkrankungen sind vielfältig und können stark belasten. Wir freuen uns, Sie mit Sachverstand und persönlicher Beratung zu begleiten. Bei jeder Unsicherheit sprechen Sie uns an oder konsultieren Sie Ihren Neurologen.
