Tumoren von Gehirn und Rückenmark


Tumoren des zentralen Nervensystems (ZNS) sind selten, aber von großer klinischer Bedeutung. Sie können gut- oder bösartig sein, primär (vom Gehirngewebe selbst ausgehend) oder sekundär (Metastasen anderer Tumoren). Auch gutartige Hirntumoren können wegen ihrer Lage gefährlich werden. Moderne Diagnose- und Therapieverfahren haben die Prognose vieler Hirntumoren deutlich verbessert.

Allgemeines zu Hirntumoren

In Deutschland erkranken jährlich etwa 8.000 Menschen an einem primären Hirntumor. Häufiger sind Hirnmetastasen anderer Tumoren (ca. 70.000/Jahr).

Klassifikation der primären Hirntumoren

Die WHO klassifiziert ZNS-Tumoren nach Zelltyp und Malignitätsgrad (I-IV):

  • Grad I: gutartig, langsames Wachstum, oft heilbar durch Operation
  • Grad II: niedrig-maligne, oft Tendenz zur Höhergradierung
  • Grad III: hoch-maligne
  • Grad IV: bösartig, schnell wachsend (Glioblastom)

Wichtigste Tumorarten

Gliome

  • Astrozytome (verschiedene Grade)
  • Oligodendrogliome
  • Glioblastoma multiforme (Grad IV): häufigster bösartiger primärer Hirntumor des Erwachsenen, sehr aggressiv
  • Ependymome
  • Pilozytisches Astrozytom (Kinder, meist gutartig)
  • DNETs, Gangliogliome (oft mit Epilepsie verbunden)

Meningeome

Ausgangsort: Hirnhäute (Meningen). Häufiger Hirntumor (20%), meist gutartig (Grad I), bei Frauen häufiger. Langsames Wachstum, oft Zufallsbefund. Bei Symptomen: chirurgische Entfernung oft kurativ.

Hirnmetastasen

Ausgangsorte: Lungenkarzinom (40%), Mammakarzinom (15-20%), Melanom (10%), Nierenzellkarzinom, Kolonkarzinom. Häufig mehrere Metastasen. Therapie: Operation einzelner Metastasen, Stereotaktische Bestrahlung, Ganzhirnbestrahlung, neue zielgerichtete Therapien (anti-HER2, BRAF-Inhibitoren, Immuntherapie).

Hypophysenadenome

Tumoren der Hirnanhangsdrüse. Meist gutartig. Können hormonaktiv sein (Akromegalie bei Wachstumshormon-Überproduktion, Morbus Cushing bei ACTH, Prolaktinom mit Galaktorrhö und Amenorrhö) oder hormoninaktiv. Therapie: Dopaminagonisten (Cabergolin), Operation (transsphenoidal), Strahlentherapie.

Akustikusneurinome

Tumor des Vestibularisnervs am Kleinhirnbrückenwinkel. Symptome: einseitige Hörminderung, Tinnitus, Schwindel. Therapie: Operation oder Stereotaxie.

Lymphome

Primäre ZNS-Lymphome, oft bei Immunsuppression. Chemotherapie mit Methotrexat-Hochdosis-Schemata.

Tumoren bei Kindern

  • Medulloblastome (besonders Kleinhirn)
  • Pilozytische Astrozytome
  • Ependymome
  • Hirnstammgliome (DIPG)
  • Kraniopharyngeome
  • Kinder-Hirntumoren sind die häufigsten soliden Tumoren im Kindesalter

Symptome

Symptome eines Hirntumors hängen von Lage, Größe und Wachstumsgeschwindigkeit ab. Generelle Hinweise:

Allgemeinsymptome (durch erhöhten Hirndruck)

  • Kopfschmerzen: oft morgens, im Liegen verstärkt, neuartig oder progredient. Häufig in fortgeschrittenen Stadien
  • Übelkeit, Erbrechen, oft schwallartig ohne Vorwarnung
  • Sehstörungen: durch Stauungspapille
  • Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Persönlichkeitsveränderungen
  • Bewusstseinsstörungen in schweren Stadien

Fokale Symptome (durch Lokalisation des Tumors)

  • Frontallappen: Persönlichkeitsveränderungen, Antriebsverlust, Gangstörung, Inkontinenz
  • Parietallappen: Sensibilitätsstörung, Apraxie
  • Temporallappen: Gedächtnisstörung, Sprachstörung, Hörstörungen
  • Okzipitallappen: Gesichtsfeldausfälle
  • Kleinhirn: Ataxie, Gangunsicherheit, Schwindel, Tremor
  • Hirnstamm: Hirnnerven-Ausfälle, Schluckstörung, Doppelbilder
  • Rückenmark: Paresen, Sensibilitätsstörungen, Blasen-/Mastdarmstörungen

Epileptische Anfälle

Oft Erstsymptom! Etwa 20-40% aller Hirntumorpatienten haben epileptische Anfälle. Bei einem neu auftretenden Anfall im Erwachsenenalter immer Hirntumor ausschließen.

Diagnostik

  • Anamnese und neurologische Untersuchung
  • MRT mit Kontrastmittel: Goldstandard, hochauflösend
  • CT: schnell, gut für Notfälle, kleine Blutungen
  • PET-CT in spezifischen Fällen
  • Liquoruntersuchung: Tumormarker, Zytologie
  • Biopsie: gewinnt Gewebe für die histologische und molekulare Charakterisierung
  • Molekulare Diagnostik (IDH, MGMT, 1p/19q): wichtig für Prognose und Therapieentscheidung
  • Ausschluss der Ursprungslokalisation bei Verdacht auf Metastase (CT Thorax/Abdomen, ggf. Ganzkörper-PET)

Therapie

Operation

Bei den meisten Hirntumoren erster Therapieschritt: Diagnostische Biopsie und/oder möglichst vollständige Resektion. Moderne Techniken:

  • Mikroskopische Chirurgie
  • Neuronavigation mit präoperativer MRT-Bildgebung
  • Intraoperative MRT
  • Fluoreszenz-gesteuerte OP (mit 5-ALA)
  • Wach-Kraniotomie für Tumoren in eloquenten Hirngebieten
  • Endoskopische transsphenoidale Chirurgie für Hypophysenadenome

Strahlentherapie

  • Konventionelle fraktionierte Strahlentherapie
  • Stereotaktische Radiochirurgie (Gamma Knife, CyberKnife, LINAC)
  • Protonentherapie (in spezialisierten Zentren)
  • Postoperativ adjuvant bei vielen Tumoren
  • Primäre Therapie bei inoperablen Tumoren

Chemotherapie

  • Temozolomid (Temodal): Standard bei Glioblastom (Stupp-Schema mit Strahlentherapie)
  • PCV-Schema (Procarbazin, Lomustin, Vincristin) bei Oligodendrogliomen
  • Bevacizumab bei Glioblastomrezidiv
  • Methotrexat hochdosiert bei primären ZNS-Lymphomen
  • Spezielle Schemata für pädiatrische Tumoren

Zielgerichtete Therapie und Immuntherapie

  • BRAF-Inhibitoren bei BRAF-mutierten Gliomen (Dabrafenib + Trametinib)
  • IDH-Inhibitoren (Vorasidenib) für IDH-mutierte Gliome — neueste Entwicklung
  • Checkpoint-Inhibitoren bei Hirnmetastasen von Melanom, Lungenkrebs
  • Tumortreating Fields (Optune) bei Glioblastom (elektrische Felder)
  • CAR-T-Zell-Therapie in Erprobung

Symptomatische Therapie

  • Kortikosteroide (Dexamethason): zur Hirndruckminderung, Reduzieren des perifokalen Ödems
  • Antiepileptika bei Krampfanfällen (Levetiracetam erste Wahl bei Tumorpatienten)
  • Schmerztherapie: WHO-Stufenschema
  • Antiemetika: Ondansetron, Aprepitant bei Übelkeit (Chemo, Strahlen, Hirndruck)
  • Antikoagulation bei Thrombose-Risiko (häufig bei Hirntumorpatienten)
  • Psychoonkologische Begleitung

Rehabilitation und Nachsorge

  • Neurorehabilitation: Physio-, Ergo-, Logo-, Neuropsychotherapie
  • Frühzeitiger Reha-Beginn
  • Anschlussheilbehandlung (AHB) nach stationärer Therapie
  • Ambulante Reha
  • Selbsthilfegruppen (Deutsche Hirntumorhilfe e.V.)
  • Regelmäßige Verlaufskontrolle mit MRT (initial alle 3 Monate, später halbjährlich)
  • Nachsorge in spezialisiertem Zentrum

Spezielle Situationen

Hirnmetastasen

Häufiger als primäre Hirntumoren. Therapie hat sich revolutioniert:

  • Bei einzelner Metastase und kontrolliertem Primärtumor: chirurgische Entfernung + ggf. Bestrahlung
  • Bei 2-10 Metastasen: stereotaktische Bestrahlung jeder Läsion (besser als Ganzhirnbestrahlung)
  • Bei vielen oder kleinen Metastasen: systemische Therapie der Grunderkrankung — viele neue Targets passieren heute die Blut-Hirn-Schranke (Osimertinib bei EGFR-mutiertem NSCLC, BRAF-Inhibitoren bei Melanom, anti-HER2-Antikörper-Drug-Konjugate bei Mammakarzinom)
  • Checkpoint-Inhibitoren wirken auch im ZNS

Tumor in der Schwangerschaft

Sehr seltene aber schwierige Situation. Behandlung erfordert multidisziplinäre Beratung (Neurochirurg, Onkologe, Geburtshelfer, Anästhesist, Patientin).

Glioblastom

Häufigster bösartiger primärer Hirntumor des Erwachsenen, aber mit immer noch ungünstiger Prognose. Standard: Resektion + Strahlentherapie 60 Gy + Temozolomid (Stupp-Schema). Tumortreating Fields können die Überlebenszeit verlängern. Forschungsschwerpunkt mit vielen klinischen Studien.

Prognose

Die Prognose hängt sehr stark vom Tumortyp ab:

  • Gutartige Meningeome, Schwannome, Hypophysenadenome: meist hervorragende Prognose nach Operation
  • Niedrig-maligne Gliome (Grad II): mittlere Überlebenszeit oft > 10 Jahre
  • Anaplastische Gliome (Grad III): mittlere Überlebenszeit 5-10 Jahre
  • Glioblastome (Grad IV): mittlere Überlebenszeit ca. 15-18 Monate, aber individuell sehr unterschiedlich
  • Hirnmetastasen: 6-24 Monate, abhängig vom Primärtumor und der Therapieansprache

Apothekenbeitrag

In der Rathaus-Apotheke unterstützen wir Patienten mit Hirntumor und deren Angehörige:

  • Onkologische Beratung zur oralen Chemotherapie (Temozolomid und andere)
  • Wechselwirkungen prüfen, Compliance-Hilfen
  • Antiemetika und Schmerzmittel
  • Kortison-Begleittherapie: Nebenwirkungen managen (Knochenschutz, Magenschutz, Diabeteskontrolle, Stimmungsschwankungen)
  • Antiepileptika: korrekte Einnahme, Notfallmedikamente (Buccolam)
  • Mundpflege bei Schleimhautentzündung durch Chemotherapie
  • Hautpflege nach Bestrahlung
  • Haarverlust: Beratung zu Perücken, Kopftüchern, Pflege bei Wiederaussprossen
  • Ernährungsergänzungen bei Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust
  • Pflegehilfsmittel bei Einschränkungen
  • Inkontinenzversorgung bei Bedarf
  • Psychoonkologische Vermittlung
  • Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen
  • Palliativversorgung in der finalen Lebensphase

Hirntumorerkrankungen sind eine außergewöhnliche Herausforderung für Patienten und Angehörige. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Spezialisten, Hausärzten, Pflegekräften und der Apotheke ist entscheidend für eine umfassende Versorgung. Wir sind bei jedem Schritt für Sie da.

Onkologische Beratung

Hirntumor: vertraulich, professionell.

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