Anfallskrankheiten


Anfallskrankheiten sind plötzlich auftretende, oft kurz dauernde Zustände mit Veränderung der Bewusstseinslage, der Motorik, der Sensorik oder vegetativer Funktionen. Sie reichen von harmlosen Ohnmachten bis zu lebensbedrohlichen Status epilepticus. Eine genaue Diagnose ist entscheidend, da die Therapie sehr unterschiedlich ist.

Epilepsie

Chronische Erkrankung mit wiederkehrenden Krampfanfällen. In Deutschland sind etwa 0,8% der Bevölkerung betroffen. Epilepsie kann in jedem Lebensalter beginnen und unterschiedlichste Ursachen haben.

Ursachen

  • Strukturelle Veränderungen: Z.n. Schlaganfall, Tumor, Hirntrauma, Hirnblutung, Fehlbildung
  • Genetische Faktoren: idiopathische Epilepsien
  • Infektiös: nach Meningitis, Enzephalitis
  • Metabolisch: Elektrolytstörungen, Hypoglykämie
  • Autoimmun: Antikörper-Enzephalitiden
  • Toxisch: Alkoholentzug, Medikamentenentzug, Drogen
  • Unbekannt (kryptogen)

Anfallsformen

Fokale Anfälle (von einem umschriebenen Hirnareal ausgehend):

  • Mit erhaltenem Bewusstsein (früher "einfach fokal"): umschriebene motorische, sensorische, autonome oder psychische Symptome
  • Mit Bewusstseinsstörung (früher "komplex fokal"): Bewusstseinstrübung, Automatismen (Schmatzen, Schlucken, Nesteln), Dauer 1-2 Min, gefolgt von Verwirrung
  • Sekundär generalisierend: beginnen fokal, breiten sich auf das ganze Gehirn aus

Generalisierte Anfälle (von Anfang an beide Hemisphären betreffend):

  • Tonisch-klonisch (Grand Mal): klassischer großer Krampfanfall, Bewusstlosigkeit, Versteifung, dann rhythmische Zuckungen, Zungenbiss möglich, Einnässen, Bewusstseinstrübung danach (postiktale Phase)
  • Absencen (Petit Mal): kurze Bewusstseinsstörungen (5-30 Sek), v.a. Kinder, Geistesabwesenheit, oft mehrfach täglich
  • Myoklonisch: kurze, blitzartige Muskelzuckungen
  • Atonisch (Sturzanfälle): plötzlicher Tonusverlust, Stürze
  • Tonisch: anhaltende Muskelversteifung

Status epilepticus

Anfall, der länger als 5 Minuten dauert, oder mehrere Anfälle ohne vollständige Erholung dazwischen. Lebensbedrohlicher Notfall! Sofort 112!

Diagnostik

  • Anamnese (Patient und Augenzeugen wichtig!), wann gleichzeitig die Atmung sistiert
  • Video des Anfalls vom Handy ist Gold wert
  • EEG (Elektroenzephalographie): Aufzeichnung der Hirnströme, eventuell als Langzeit-EEG oder Schlafentzugs-EEG
  • MRT des Schädels: Suche nach strukturellen Ursachen
  • Blutuntersuchungen: Elektrolyte, Blutzucker, Leberwerte, Nierenwerte, ggf. Drogenscreening
  • Liquoruntersuchung bei Verdacht auf Entzündung
  • Genetische Diagnostik in spezifischen Fällen

Therapie

Akuter Anfall – Erste Hilfe (wichtig für Angehörige):

  • Ruhe bewahren, die Uhrzeit notieren (Dauer wichtig!)
  • Gefahrenquellen entfernen (scharfkantige Gegenstände, Möbel), Polster unter den Kopf legen
  • NICHTS in den Mund stecken! Kein Holzscheit, kein Löffel – das ist ein Mythos, schadet nur
  • Nicht festhalten oder Bewegungen unterdrücken
  • Auf die Seite drehen, sobald die Zuckungen aufhören (stabile Seitenlage zum Schutz vor Verschlucken)
  • Nach dem Anfall: ruhiges Aufwachen ermöglichen, Patient ist meist verwirrt
  • Notarzt rufen wenn: Anfall > 5 Min, mehrere Anfälle, erster Anfall, Atemstillstand, schwere Verletzungen, Patientin in Schwangerschaft, Status epilepticus

Akute Notfalltherapie (durch Arzt/Rettungsdienst):

  • Erstmaßnahme: Benzodiazepine intravenös, intramuskulär, bukkal oder rektal: Midazolam (Buccolam-Lösung für die Wange, ideal für Laien), Lorazepam, Diazepam
  • Bei Therapieresistenz: Phenytoin, Levetiracetam, Valproat iv.
  • Im refraktären Status: Anästhesie und Intubation

Dauertherapie:

  • Antiepileptika monoterapeutisch zuerst, individuell je nach Anfallsform
  • Bei fokalen Anfällen: Lamotrigin, Levetiracetam, Lacosamid, Oxcarbazepin, Carbamazepin, Eslicarbazepin
  • Bei generalisierten Anfällen: Valproat (Vorsicht in der Schwangerschaft!), Levetiracetam, Lamotrigin
  • Bei Absencen: Ethosuximid, Valproat
  • Neue Wirkstoffe: Brivaracetam, Cenobamat, Perampanel, Felbamat (reserve)
  • Bei pharmakoresistenter Epilepsie (30% der Patienten): Epilepsie-Chirurgie, Vagus-Nerv-Stimulation, ketogene Diät
  • Therapie ist meist langfristig, oft lebenslang. Absetzversuch nach 2-5 Jahren Anfallsfreiheit möglich

Leben mit Epilepsie

  • Medikamenten-Compliance entscheidend! Auch nach Jahren ohne Anfälle nicht eigenmächtig absetzen
  • Schlafhygiene: Schlafentzug ist ein häufiger Trigger
  • Alkohol meiden oder stark einschränken
  • Triggerfaktoren erkennen: Flimmerlicht (photogene Anfälle), Stress, Fieber, Menstruation
  • Notfallausweis immer dabei
  • Anfallskalender führen
  • Schwimmen nur unter Aufsicht
  • Klettern, hohe Berge, Tauchen: nur unter ärztlichem Rat
  • Autofahren: gesetzlich geregelt, mindestens 1 Jahr anfallsfrei für Pkw, 5 Jahre für Lkw und Bus. Ggf. Fahrverbot
  • Beruf: einige Tätigkeiten ungeeignet (Gerüstbau, Maschinenführer, Berufskraftfahrer)
  • Schwangerschaft: rechtzeitige Planung wichtig (Valproat möglichst meiden – teratogen)
  • Sport: meist möglich, Sportkrampftriggers vermeiden, Schwimmen nur unter Aufsicht

Synkopen (Ohnmachten)

Kurzzeitiger Bewusstseinsverlust durch globale Minderdurchblutung des Gehirns. Häufig, meist harmlos.

Formen

  • Vasovagale Synkope: häufigste Form, durch Reflexstörung. Auslöser: emotionale Belastung, langes Stehen, Schmerz, Anblick von Blut, Spritzen. Warnzeichen: Übelkeit, Schwindel, Blässe, Schwitzen, Verschwommensehen
  • Orthostatische Synkope: beim Aufstehen, durch zu wenig Blut im Hirnvolumen. Häufig bei älteren Menschen, Diabetikern, Parkinson
  • Kardiale Synkope: durch Herzrhythmusstörungen (Tachykardie, Bradykardie, Asystolie) oder strukturelle Herzerkrankungen. Potentiell gefährlich!
  • Karotissinus-Syndrom: durch Druck auf den Karotissinus
  • Situationsbedingte Synkopen: beim Husten, Schlucken, Wasserlassen, Stuhlgang

Unterscheidung Synkope - Epileptischer Anfall

MerkmalSynkopeEpileptischer Anfall
AuslöserOft erkennbar (Stehen, Sehen, Emotion)Meist ohne Trigger
VorzeichenSchwindel, Übelkeit, SchwitzenManchmal "Aura", aber kürzer
BewusstlosigkeitSekunden bis 1 Min1-2 Min und länger
HautfarbeBlassEher zyanotisch
Krampfartige ZuckungenMöglich (vor allem konvulsive Synkope), kurzTypisch tonisch-klonisch
ZungenbissSelten, an der SpitzeHäufig, an den Seiten
EinnässenSeltenHäufig
Postiktale VerwirrungSchnelle ErholungOft Minuten verwirrt

Diagnostik

  • Anamnese und körperliche Untersuchung
  • Schellong-Test (Blutdruckmessung im Stehen)
  • EKG (zur Kardialursache)
  • Langzeit-EKG, ggf. implantierbarer Loop-Recorder
  • Echokardiographie
  • Kipptisch-Test bei Verdacht auf vasovagale Synkope
  • Karotissinus-Massage
  • EEG (Differenzialdiagnose Epilepsie)

Therapie

  • Vasovagale Synkope: Aufklärung, Manöver bei Vorzeichen (hinsetzen oder hinlegen, kraftvolles Atemmanöver, Beine kreuzen, Faust ballen), ausreichende Salz- und Flüssigkeitsaufnahme, ggf. Betablocker oder Midodrin
  • Orthostatische Synkope: Aufstehen in Etappen, Kompressionsstrümpfe, salzreiche Diät, Midodrin, Fludrocortison
  • Kardiale Synkope: ursachenbezogen (Schrittmacher, Defibrillator, Antiarrhythmika)

Migräne

Sehr häufige Kopfschmerzerkrankung mit anfallsartigem Auftreten. 10-12% der Bevölkerung betroffen, Frauen 3x häufiger als Männer.

Symptome

  • Einseitiger, pulsierend-pochender Kopfschmerz (manchmal beidseitig)
  • Mittlere bis starke Intensität
  • Verschlechterung durch körperliche Aktivität
  • Übelkeit, Erbrechen
  • Lichtempfindlichkeit (Photophobie)
  • Lärmempfindlichkeit (Phonophobie)
  • Dauer 4-72 Stunden
  • Mit Aura (20%) oder ohne Aura (80%)

Aurasymptome

  • Visuelle: Flimmern, Skotome, Zickzack-Linien, Tunnelblick
  • Sensorische: Kribbeln, Taubheit in Hand und Gesicht
  • Aphasie
  • Selten Lähmungen (hemiplegische Migräne)

Therapie

Akuttherapie:

  • Leichte Anfälle: Ibuprofen 600-800 mg, ASS 1000 mg, Paracetamol 1000 mg, Naproxen 500-1000 mg, Diclofenac 100 mg
  • Stärkere Anfälle: Triptane (Sumatriptan, Rizatriptan, Zolmitriptan, Eletriptan, Frovatriptan) — idealerweise früh in der Attacke nehmen
  • Mit Übelkeit: Domperidon oder Metoclopramid als Vorbehandlung
  • Neue Wirkstoffe: Gepants (Ubrogepant, Rimegepant), Ditans (Lasmiditan) als Alternative zu Triptanen
  • Erholung in dunklem, ruhigem Raum

Prophylaxe (bei häufigen Attacken > 3/Monat oder bei stark beeinträchtigender Migräne):

  • Betablocker: Metoprolol, Propranolol
  • Topiramat
  • Valproat (nicht in Schwangerschaft)
  • Amitriptylin in niedriger Dosis
  • Flunarizin
  • Candesartan
  • Neue Therapie: monoklonale Antikörper gegen CGRP (Erenumab, Galcanezumab, Fremanezumab, Eptinezumab) – sehr wirksam, gut verträglich
  • Botulinumtoxin bei chronischer Migräne
  • Nicht-medikamentös: Entspannungsverfahren, Biofeedback, Akupunktur, regelmäßige Bewegung, Schlafhygiene

Triggerfaktoren

  • Stress, Stressabfall (Wochenende!)
  • Schlafmangel oder zu viel Schlaf
  • Hormonelle Schwankungen (Menstruation)
  • Bestimmte Lebensmittel (Schokolade, Rotwein, Käse, Glutamat, Tyramin)
  • Wetterwechsel
  • Flackerndes Licht, laute Geräusche, intensive Düfte
  • Auslassmahlzeiten, Dehydratation
  • Übermäßiger Kaffeekonsum oder -entzug

Cluster-Kopfschmerz (Bing-Horton-Syndrom)

Extrem starker, einseitiger, periorbitaler Kopfschmerz. Männer häufiger. Anfälle in Clustern (gehäuft) über Wochen-Monate. Begleitend: Augenrötung, Tränenfluss, verstopfte Nase, Hängen des Augenlids auf der betroffenen Seite, Unruhe.

Akuttherapie: 100% Sauerstoff inhaliert (12-15 L/Min für 15-20 Min), Triptane subkutan oder nasal (Sumatriptan), Lidocain nasal.
Prophylaxe: Verapamil hochdosiert, Lithium, Steroide-Kurzpuls. Bei Therapieresistenz: CGRP-Antikörper, Nervenstimulation, Operation.

Tic-Störungen

Unwillkürliche, wiederholte, schnelle Bewegungen oder Laute. Häufig bei Kindern.

  • Einfache motorische Tics: Blinzeln, Grimassieren, Kopfschütteln
  • Einfache vokale Tics: Räuspern, Schniefen, Hüsteln
  • Komplexe Tics: koordinierte Bewegungssequenzen, Echolalie, Koprolalie (selten)
  • Tourette-Syndrom: chronisch, motorisch und vokal, beginn meist 5-7 Jahre alt

Therapie: psychoedukation, kognitive Verhaltenstherapie (CBIT – Comprehensive Behavioral Intervention for Tics), Tiapridal, Risperidon, Aripiprazol, manchmal Tiefe Hirnstimulation.

Apothekenservice bei Anfallserkrankungen

In der Rathaus-Apotheke unterstützen wir Patienten und Angehörige:

  • Antiepileptika und Migräneprophylaktika: Dispensation mit detaillierter Beratung
  • Notfallmedikamente: Midazolam Buccolam-Lösung für Krampfanfälle (auf Rezept), Triptane für Migräne
  • Wochendosetten für die zuverlässige Einnahme
  • Anfallskalender und Migränetagebücher
  • Notfallausweis für Epilepsie- und Migränepatienten
  • Beratung zu Triggerfaktoren und Lebensstil
  • Magnesium-Präparate, B-Vitamine, Coenzym Q10 als Migräne-Prophylaktika
  • Pfefferminzöl topisch bei Spannungskopfschmerz
  • Vermittlung an Spezialisten (Neurologe, Epilepsiezentrum, Kopfschmerzklinik)
  • Aufklärung der Angehörigen über Erste Hilfe
  • Schulung für die Verabreichung von Notfallmedikamenten

Anfallserkrankungen sind oft gut behandelbar, aber erfordern eine sorgfältige Diagnose und eine individuell abgestimmte Therapie. Wir freuen uns, Sie und Ihre Familie auf diesem Weg professionell zu begleiten.

Migräne-Beratung

Individuelle Akut- und Prophylaxe-Therapie.

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