Entzündungen von Gehirn, Rückenmark und Nerven
Wenn das Nervensystem entzündet ist
Entzündliche Erkrankungen des Nervensystems sind heterogen: Sie können durch Krankheitserreger ausgelöst werden (Bakterien, Viren, Pilze, Parasiten), durch Autoimmunreaktionen entstehen oder als Folge anderer Erkrankungen auftreten. Da das Nervensystem von zentraler Bedeutung für nahezu alle Körperfunktionen ist, sind entzündliche Erkrankungen oft schwerwiegend und erfordern eine schnelle Diagnostik und Behandlung.
Meningitis (Hirnhautentzündung)
Eine Entzündung der Hirn- und Rückenmarkshäute. Hauptsymptome:
- Heftige Kopfschmerzen, oft als "schlimmster Kopfschmerz des Lebens" beschrieben
- Nackensteifigkeit (Meningismus): Schmerzen beim passiven Vornüberbeugen des Kopfes
- Hohes Fieber
- Photophobie (Lichtempfindlichkeit) und Phonophobie (Geräuschempfindlichkeit)
- Übelkeit und Erbrechen
- Bewusstseinsstörungen, Krampfanfälle
- Bei Säuglingen: vorgewölbte Fontanelle, Berührungsempfindlichkeit, schrilles Schreien
Bakterielle Meningitis – Notfall!
Häufigste Erreger bei Erwachsenen: Pneumokokken, Meningokokken, Listerien, Haemophilus. Lebensbedrohlich! Mortalität bis 20%, ohne Therapie deutlich höher. Sofortige Klinikeinweisung und intravenöse Antibiotika-Therapie (Ceftriaxon plus Ampicillin) sind essentiell. Bei Verdacht auf Meningokokken: Postexpositions-Prophylaxe für Kontaktpersonen.
Warnzeichen für die schwere Form: Petechien (kleine Hauteinblutungen), die bei Druckprobe mit einem Glas nicht verschwinden – Hinweis auf Meningokokken-Sepsis (Waterhouse-Friderichsen-Syndrom). Sofort 112 wählen!
Virale (aseptische) Meningitis
Häufiger und meist deutlich harmloser. Erreger: Enteroviren (Coxsackie, ECHO), Herpesviren, FSME-Virus, Mumps. Verlauf in der Regel selbstlimitierend, Therapie symptomatisch. Bei FSME: vorbeugend Impfung in Risikogebieten.
Enzephalitis (Hirnentzündung)
Entzündung der Gehirnsubstanz selbst. Häufige Erreger sind Viren (Herpes-simplex, FSME, Varizella-Zoster, Masern). Symptome:
- Kopfschmerzen, Fieber
- Bewusstseinsstörungen (von Verwirrtheit bis Koma)
- Krampfanfälle
- Persönlichkeitsveränderungen
- Neurologische Ausfälle (Lähmungen, Sprachstörungen)
- Halluzinationen
Herpes-Enzephalitis ist besonders gefürchtet, gut behandelbar mit Aciclovir, aber unbehandelt mit hoher Mortalität. Frühzeitige Diagnose über MRT und Liquoruntersuchung (PCR auf HSV) entscheidend.
Multiple Sklerose (Encephalomyelitis disseminata)
Die häufigste entzündliche ZNS-Erkrankung in jüngerem Erwachsenenalter. Etwa 280.000 Menschen in Deutschland sind betroffen, Frauen 2-3x häufiger als Männer. Erkrankungsbeginn meist zwischen 20 und 40 Jahren.
Pathogenese: Autoimmune Zerstörung der Myelinscheiden (Isolierschicht) der Nervenfasern in Gehirn und Rückenmark. Genaue Ursache unklar, multifaktoriell (Vitamin-D-Mangel, EBV-Infektion in der Jugend, Rauchen und genetische Disposition spielen eine Rolle).
Symptome – sehr variabel:
- Sehstörungen (Optikusneuritis, oft erstes Symptom)
- Sensibilitätsstörungen (Taubheit, Kribbeln, Bandgefühl um den Rumpf)
- Motorische Schwäche
- Spastik, Gangstörung
- Müdigkeit (Fatigue) – oft sehr belastend
- Blasen- und Darmstörungen
- Kognitive Beeinträchtigung
- Sprach- und Schluckstörungen
Verlaufsformen:
- Schubförmig-remittierend (ca. 85% bei Erstdiagnose): Schübe mit (Teil-)Rückbildung
- Sekundär chronisch-progredient: nach Jahren bis Jahrzehnten kann die schubförmige Form in chronische Progression übergehen
- Primär chronisch-progredient (ca. 10-15%): von Anfang an stetige Verschlechterung ohne klare Schübe
Diagnose: MRT (multifokale Läsionen mit T2-Hyperintensität), Liquoruntersuchung (oligoklonale Banden), evozierte Potentiale, klinisches Bild. McDonald-Kriterien.
Therapie: Im akuten Schub hochdosiert Methylprednisolon. Langzeit krankheitsmodifizierende Therapie (DMT) mit verschiedenen Wirkstoffen:
- Mild-moderat: Beta-Interferon, Glatirameracetat, Dimethylfumarat, Teriflunomid
- Hochaktiv: Fingolimod, Cladribin, Ocrelizumab, Natalizumab, Alemtuzumab
- Symptomatisch: Spastik (Baclofen), Schmerzen, Blasenstörungen, Depression
- Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Reha
Moderne Therapien haben die Prognose der MS in den letzten 20 Jahren deutlich verbessert. Viele Patienten können heute mit nur geringer Behinderung ein normales Leben führen.
Neuromyelitis optica und MOG-Antikörper-assoziierte Erkrankung
Seltenere autoimmune Erkrankungen, die mit MS verwechselt werden können, aber andere Therapieprinzipien erfordern. Charakteristisch: schwere Optikus-Beteiligung und Längsläsionen des Rückenmarks. Diagnostik: AQP4-Antikörper (Aquaporin-4) oder MOG-Antikörper im Blut.
Polyneuropathien
Generalisierte Erkrankungen mehrerer peripherer Nerven. Symptome:
- Strumpf- und handschuhförmige Sensibilitätsstörungen (Taubheit, Kribbeln, Brennen)
- Schwäche der distalen Muskeln (Füße fallen herab, Greifschwäche)
- Schmerzen, oft brennend oder elektrisierend
- Verlust der Reflexe
- Vegetative Symptome (Kreislaufstörungen, Magen-Darm)
Häufige Ursachen:
- Diabetes mellitus – die häufigste Ursache in westlichen Ländern
- Alkoholmissbrauch
- Vitaminmangel (B1, B6, B12)
- Medikamente (Chemotherapie, Antibiotika wie Metronidazol)
- Infektiös: Borreliose, HIV, Hepatitis
- Autoimmun: Guillain-Barré-Syndrom (akut!), CIDP (chronisch)
- Hereditär: Charcot-Marie-Tooth
- Toxisch: Schwermetalle, Lösungsmittel
Therapie: Ursächlich (Diabetes einstellen, Alkoholkarenz, Vitamine ersetzen). Schmerzlinderung: Pregabalin, Gabapentin, Duloxetin, Amitriptylin. Physiotherapie.
Guillain-Barré-Syndrom (GBS)
Eine akute, autoimmune Polyneuritis, oft 1-3 Wochen nach einer Infektion. Symptome:
- Aufsteigende symmetrische Lähmung (von den Beinen aufwärts)
- Areflexie
- Kann lebensbedrohlich werden bei Beteiligung der Atemmuskulatur
Notfall! Stationäre Behandlung, ggf. Beatmung, Plasmapherese oder intravenöse Immunglobuline. Bei rechtzeitiger Therapie meist gute Erholung.
Lyme-Borreliose (Neuroborreliose)
Bakterielle Infektion durch Zeckenstich. Frühphase: Erythema migrans (wandernde Hautrötung). Bei nicht behandelter Infektion können Wochen bis Monate später neurologische Symptome auftreten: Hirnnervenausfälle (z. B. Fazialisparese), Wurzelschmerzen, Meningitis. Therapie: orale Antibiotika (Doxycyclin) oder intravenös (Ceftriaxon).
Beratung in der Apotheke
Bei chronischen neurologischen Erkrankungen wie MS oder Polyneuropathie sind wir wichtige Begleiter:
- Medikamentenmanagement bei komplexer Polypharmazie
- Hilfsmittel: Gehhilfen, Rollatoren, Inkontinenzversorgung
- Mikronährstoff-Beratung (Vitamin D, B12, Magnesium)
- Hautpflege bei eingeschränkter Mobilität
- Tipps zur Fatigue-Bewältigung
- Beratung für Angehörige
