Krebsbehandlung
Die moderne Krebsbehandlung hat in den letzten Jahrzehnten dramatische Fortschritte gemacht. Viele Krebsarten, die vor wenigen Jahren noch als unheilbar galten, sind heute heilbar oder mit guter Lebensqualität langfristig kontrollierbar. Die Behandlung folgt heute einem multimodalen, individualisierten Konzept, das oft mehrere Therapieformen kombiniert. In diesem Artikel geben wir einen Überblick über die wichtigsten Säulen der Krebsbehandlung und ihre häufigsten Nebenwirkungen.
Die fünf Säulen der modernen Krebsbehandlung
1. Operation (Chirurgie)
Die operative Entfernung des Tumors ist bei vielen soliden Tumoren die wichtigste Behandlung und oft auch die einzige Chance auf Heilung. Sie kann sein:
- Kurative Operation: vollständige Entfernung des Tumors mit Sicherheitsabstand; Ziel: Heilung
- Palliative Operation: Verbesserung der Lebensqualität, ohne Heilungsanspruch
- Tumorverkleinernde Operation: Reduzierung der Tumormasse, oft kombiniert mit anderen Therapien
- Rekonstruktive Eingriffe (z.B. Brustaufbau nach Mastektomie)
- Diagnostische Eingriffe (Biopsie, Probeentnahme)
Moderne Verfahren: minimalinvasive Chirurgie (Laparoskopie), robotergestützte Chirurgie (Da Vinci), Wächterlymphknotenbiopsie zur Vermeidung großer Lymphadenektomien, intraoperative Bildgebung.
2. Strahlentherapie
Ionisierende Strahlung wird gezielt eingesetzt, um Tumorzellen zu zerstören. Wichtige Verfahren:
- Perkutane Strahlentherapie (durch die Haut): häufigste Form
- Intensitätsmodulierte Radiotherapie (IMRT): präzise Anpassung der Dosis
- Bildgeführte Strahlentherapie (IGRT): tägliche Bildkontrolle
- Stereotaktische Strahlentherapie: hochdosierte Bestrahlung kleiner Areale (Gehirn, Lunge, Leber)
- Brachytherapie: Einbringen der Strahlenquelle direkt in den Tumor (z.B. Prostata, Gebärmutterhals)
- Protonentherapie: präzise, schonende Bestrahlung mit Protonen statt Photonen (in spezialisierten Zentren)
- Radionuklidtherapie: radioaktive Substanzen werden systemisch verabreicht (z.B. Radiojod bei Schilddrüsenkrebs, Lu-177 bei neuroendokrinen Tumoren oder fortgeschrittenem Prostatakarzinom)
3. Chemotherapie (Zytostatika)
Medikamente, die sich teilende Zellen abtöten oder am Wachstum hindern. Wirken systemisch – auch auf gesunde, sich teilende Zellen (Knochenmark, Schleimhäute, Haarwurzeln). Daher die typischen Nebenwirkungen.
Wirkstoffklassen:
- Alkylanzien (Cyclophosphamid, Ifosfamid, Cisplatin, Carboplatin, Oxaliplatin)
- Antimetaboliten (5-Fluorouracil, Methotrexat, Gemcitabin, Capecitabin)
- Anthracycline (Doxorubicin, Epirubicin)
- Taxane (Paclitaxel, Docetaxel)
- Vinca-Alkaloide (Vincristin, Vinorelbin)
- Topoisomerase-Hemmer (Etoposid, Irinotecan, Topotecan)
Therapieformen:
- Adjuvante Chemotherapie: nach Operation zur Vermeidung von Rezidiven
- Neoadjuvante Chemotherapie: vor Operation zur Verkleinerung
- Kurative Chemotherapie: mit dem Ziel der Heilung (z.B. bei Leukämien, Lymphomen, Hodenkrebs)
- Palliative Chemotherapie: bei fortgeschrittenen Erkrankungen zur Symptomlinderung und Lebensverlängerung
4. Endokrine Therapie (Hormontherapie)
Bei hormonsensiblen Tumoren (Brustkrebs, Prostatakrebs) wird das treibende Hormon entzogen oder seine Wirkung blockiert:
- Brustkrebs: Tamoxifen, Aromatasehemmer (Anastrozol, Letrozol, Exemestan), Fulvestrant, GnRH-Analoga, CDK4/6-Inhibitoren (Palbociclib, Ribociclib, Abemaciclib)
- Prostatakrebs: GnRH-Analoga (Leuprorelin, Goserelin), Antiandrogene (Bicalutamid, Enzalutamid, Apalutamid), CYP17-Inhibitoren (Abirateron)
5. Zielgerichtete Therapie und Immuntherapie
Die größten Fortschritte der letzten Jahre.
Zielgerichtete Therapie – greift spezifische Strukturen oder Signalwege der Krebszellen an:
- Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI): Imatinib (CML, GIST), Erlotinib/Gefitinib/Osimertinib (Lungenkrebs mit EGFR-Mutation), Sorafenib/Sunitinib/Lenvatinib (Nieren-, Leberkrebs)
- BRAF-Inhibitoren: Vemurafenib, Dabrafenib (Melanom, Schilddrüsenkrebs)
- HER2-gerichtete Therapie: Trastuzumab, Pertuzumab, T-DM1, Trastuzumab Deruxtecan (HER2-positiver Brust- und Magenkrebs)
- PARP-Inhibitoren: Olaparib, Niraparib, Rucaparib (BRCA-mutierter Brust- und Eierstockkrebs)
- VEGF-Inhibitoren: Bevacizumab, Ramucirumab
- Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs): "Smart Bombs", die zielgerichtet Chemotherapie liefern
Immuntherapie – aktiviert das körpereigene Immunsystem gegen den Tumor:
- Checkpoint-Inhibitoren: Pembrolizumab, Nivolumab (Anti-PD-1), Atezolizumab, Durvalumab (Anti-PD-L1), Ipilimumab (Anti-CTLA-4). Revolutionierten die Behandlung von Melanom, Lungenkrebs, Nierenkrebs, Blasenkrebs, Kopf-Hals-Tumoren und vielen anderen
- CAR-T-Zell-Therapie: patienten-eigene T-Zellen werden gentechnisch verändert (Tisagenlecleucel, Axicabtagen Ciloleucel). Wirksam bei bestimmten Leukämien und Lymphomen
- Bispezifische Antikörper: Blinatumomab, Mosunetuzumab
- Tumorvakzine (experimentell)
Multimodale Behandlung – das moderne Konzept
Die meisten Krebspatienten erhalten heute eine Kombination mehrerer Therapieformen. Beispiele:
- Brustkrebs: Operation + Strahlentherapie + Chemotherapie + endokrine Therapie + zielgerichtete Therapie
- Darmkrebs: Operation + Chemotherapie ± zielgerichtete Therapie
- Lungenkrebs: Operation/Strahlentherapie + Chemotherapie + Immuntherapie
- Hämatologische Tumoren: Chemotherapie + Stammzelltransplantation + Antikörpertherapie
Die individuelle Therapieplanung erfolgt in interdisziplinären Tumorkonferenzen (Tumorboards) mit Onkologen, Chirurgen, Strahlentherapeuten, Pathologen und ggf. weiteren Spezialisten.
Häufige Nebenwirkungen und ihre Behandlung
Übelkeit und Erbrechen
Heute durch moderne Antiemetika sehr gut beherrschbar:
- Setrone (Ondansetron, Palonosetron)
- NK1-Rezeptor-Antagonisten (Aprepitant, Fosaprepitant, Netupitant)
- Dexamethason
- Olanzapin
- Bei bestehender Übelkeit: Metoclopramid, Domperidon, Lorazepam
Knochenmarkdepression
- Neutropenie (Infektionsgefahr): G-CSF (Filgrastim, Pegfilgrastim, Lipegfilgrastim) zur Stimulation der Granulopoese
- Anämie: Eisensubstitution, Erythropoietin (Epoetin alfa, Darbepoetin)
- Thrombozytopenie (Blutungsgefahr): Thrombozytenkonzentrate bei niedrigen Werten, Thrombopoetin-Mimetika in bestimmten Situationen
- Infektionsprophylaxe mit Antibiotika und Antimykotika nach Schema
Schleimhautentzündungen (Mukositis)
- Mundpflege mit milden Lösungen (Kamille, NaCl)
- Calphosan-, Mucomyst-, Gelclair-Lösungen
- Caphosol bei strahlenbedingter Mukositis
- Lokal anästhetische Gels (Lidocain) bei Schmerzen
- Soft food, viel trinken, keine sauren/scharfen Speisen
Haarausfall (Alopezie)
- Vorübergehend, Haare wachsen nach Therapieende meist nach
- Kopfhautkühlung während Chemotherapie kann Haarausfall vermeiden
- Perücken sind über Krankenkassen erstattungsfähig (Schwerbehinderten- und Hilfsmittelrecht)
- Sanfte Pflege der noch vorhandenen Haare und der Kopfhaut
Hautreaktionen
- Schutz vor UV-Strahlung (LSF 50+)
- Spezielle Pflege bei Strahlentherapie (Dermosaque, MapPlexol, ohne Parfüm, ohne Alkohol)
- Bei zielgerichteten Therapien (EGFR-Hemmer): typisches Akne-artiges Exanthem – Doxycyclin, Vitamin K1-Cremes
- Hand-Fuß-Syndrom bei bestimmten Chemotherapien: harnstoffhaltige Cremes, Vermeidung von Hitze und Druck
Periphere Neuropathie
Häufig bei Taxanen, Platinverbindungen, Vincaalkaloiden. Therapie: Duloxetin, Gabapentin/Pregabalin, B-Vitamine, ergotherapeutische und physiotherapeutische Maßnahmen.
Erschöpfung (Fatigue)
- Eines der häufigsten Symptome während und nach Krebstherapie
- Strategien: angepasstes Bewegungsprogramm (gezielter Sport!), Energiemanagement, Schlafhygiene, ggf. psychoonkologische Begleitung
- Behandelbare Ursachen ausschließen (Anämie, Schilddrüsenstörung, Depression)
Psychische Begleiterscheinungen
- Angst, Depression, Anpassungsstörungen sind häufig
- Psychoonkologische Beratung sollte allen Patienten angeboten werden
- Sozialdienste, Selbsthilfegruppen, Krebsberatungsstellen
- Bei stärkeren Symptomen ggf. psychiatrische Mitbehandlung
Onkologische Pharmazie und Apothekenservice
Die Krebstherapie ist hochkomplex und erfordert eine fundierte pharmazeutische Begleitung. In der Rathaus-Apotheke bieten wir:
- Beratung zu oralen Krebsmedikamenten: richtige Einnahme, Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, mit Nahrungsmitteln (z.B. Grapefruit!), Pflanzen (z.B. Johanniskraut!)
- Nebenwirkungsmanagement: Tipps und Produkte zur Linderung typischer Nebenwirkungen
- Mund- und Hautpflege bei Mukositis und Hautreaktionen
- Ernährungsberatung bei Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Geschmacksstörungen
- Nahrungsergänzungsmittel (Mikronährstoffe, Probiotika) – aber Vorsicht mit Antioxidantien, die manche Therapien abschwächen können
- Komplementäre Verfahren: Akupressur-Armbänder gegen Übelkeit, Aroma- und Phytotherapie nach individueller Bewertung
- Schmerzmanagement bei tumorbedingten Schmerzen
- Kontakt zu Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen, Hospizdiensten
- Diskrete, vertrauliche Beratung in geschützter Atmosphäre
Krebspatienten brauchen ein verlässliches Netz an Versorgern. Wir verstehen uns als Teil dieses Netzes und sind für Sie da – mit Sachverstand, Empathie und Verfügbarkeit.
