Milzerkrankungen
Die Milz ist ein oft unterschätztes Organ. Sie wiegt etwa 150 Gramm, liegt links im Oberbauch unter dem Rippenbogen und gehört sowohl zum Immunsystem als auch zum Blutsystem. Eine gesunde Milz arbeitet leise und unauffällig im Hintergrund. Erkrankungen der Milz können jedoch erhebliche Folgen für Immunabwehr und Blutbildung haben.
Anatomie und Funktion der Milz
Die Milz besteht aus zwei funktionell unterschiedlichen Bereichen:
- Rote Pulpa: filtert das Blut und baut alte oder geschädigte Erythrozyten (rote Blutkörperchen) ab. Speichert Eisen aus dem Hämoglobin-Abbau. Reserviert Erythrozyten und Thrombozyten für Notfälle.
- Weiße Pulpa: Teil des Immunsystems. Hier werden Lymphozyten (B- und T-Zellen) aktiviert. Insbesondere wichtig für die Abwehr verkapselter Bakterien (Pneumokokken, Meningokokken, Haemophilus).
Hauptfunktionen der Milz
- Filterung des Blutes mit Abbau alter Erythrozyten (Lebensdauer ca. 120 Tage)
- Immunabwehr, besonders gegen kapseltragende Bakterien
- Hämatopoese (Blutbildung) in der Embryonalentwicklung und in Notsituationen auch im Erwachsenenalter
- Speicherung von Thrombozyten (bis zu 1/3 aller Thrombozyten) und Erythrozyten
- Eisenrecycling aus dem Hämoglobin-Abbau
Splenomegalie (Milzvergrößerung)
Eine normale Milz ist etwa 11 cm lang und nicht tastbar unter dem Rippenbogen. Eine vergrößerte Milz nennt man Splenomegalie. Sie ist ein Symptom, keine eigenständige Erkrankung – es muss die zugrundeliegende Ursache gefunden werden.
Häufige Ursachen einer Splenomegalie
Infektionen:
- Virale Infektionen: Pfeiffersches Drüsenfieber (EBV), Zytomegalie (CMV), HIV, Hepatitis
- Bakterielle Infektionen: Endokarditis, Brucellose, Typhus, Tuberkulose
- Parasitäre Infektionen: Malaria, Leishmaniose (Kala-Azar), Schistosomiase
Hämatologische Erkrankungen:
- Hämolytische Anämien (Kugelzellanämie, Thalassämien, Sichelzellanämie)
- Akute und chronische Leukämien
- Lymphome (Hodgkin und Non-Hodgkin)
- Myeloproliferative Erkrankungen (Polyzythämie vera, essentielle Thrombozythämie, Myelofibrose, CML)
- Multiples Myelom
Lebererkrankungen mit portaler Hypertonie:
- Leberzirrhose
- Lebervenenthrombose (Budd-Chiari-Syndrom)
- Pfortaderthrombose
Speicherkrankheiten:
- Morbus Gaucher (Glukozerebrosid-Speicherkrankheit)
- Morbus Niemann-Pick
- Hämochromatose
- Amyloidose
Andere Ursachen:
- Sarkoidose
- Autoimmunerkrankungen (Lupus erythematodes, Felty-Syndrom bei rheumatoider Arthritis)
- Hämangiome, Lymphangiome, Zysten der Milz
- Metastasen anderer Tumoren in der Milz (selten)
Diagnostik
- Anamnese und körperliche Untersuchung (Palpation, Perkussion)
- Blutbild, Differentialblutbild
- Leber- und Nierenwerte, Entzündungsmarker
- Sonographie des Abdomens (Standard-Untersuchung)
- CT oder MRT
- Bei Bedarf Milzpunktion, Knochenmarkpunktion
- Spezifische Tests nach Verdacht (Serologie, molekulare Diagnostik, Speicherkrankheiten)
Therapie
Therapie richtet sich nach der Ursache. Wichtig: die Splenomegalie selbst ist meist nicht das Problem, sondern die Grunderkrankung.
Hypersplenismus
Bei stark vergrößerter Milz kann es zum sogenannten Hypersplenismus kommen: die Milz "schluckt" und baut zu viele Blutzellen ab. Folge: Mangel an einer, mehreren oder allen Blutzelllinien (Anämie, Leukopenie, Thrombozytopenie). Ursachen: alle Erkrankungen mit chronisch vergrößerter Milz, am häufigsten Leberzirrhose mit portaler Hypertonie.
Therapie: Behandlung der Grundursache. In schweren Fällen Milzentfernung (Splenektomie) oder Embolisation der Milzarterie.
Milzruptur
Eine Milzruptur ist eine lebensbedrohliche Notfallsituation, da sie zu starken inneren Blutungen führen kann.
Ursachen
- Traumatische Milzruptur: häufigste Form. Bei Verkehrsunfällen, Stürzen, Sportunfällen, Schlägen in die linke Flanke
- Spontane Milzruptur: bei vorgeschädigter Milz, z.B. bei Pfeifferschem Drüsenfieber, Malaria, Splenomegalie
- Iatrogene Milzruptur: während operativer Eingriffe
Symptome
- Plötzliche, starke Schmerzen im linken Oberbauch
- Ausstrahlung in die linke Schulter (Kehr-Zeichen) durch Reizung des Zwerchfells
- Anzeichen eines hypovolämischen Schocks: Blässe, kalter Schweiß, Tachykardie, Hypotonie, Bewusstseinsstörung
- Brettharter Bauch
Bei Verdacht sofort den Notarzt rufen!
Diagnostik und Therapie
- Im Notfall Sonographie, ggf. CT mit Kontrastmittel
- Stabilisierung des Kreislaufs (Volumengabe, ggf. Blutkonserven)
- Bei leichten Rupturen und stabilen Patienten: konservatives Vorgehen mit engmaschiger Überwachung
- Bei instabilen Patienten oder starker Blutung: notfallmäßige Splenektomie
- In manchen Fällen milzerhaltende Operationen möglich
Splenektomie (Milzentfernung) und ihre Folgen
Indikationen für eine Splenektomie
- Traumatische Milzruptur (nicht stillbar)
- Idiopathische thrombozytopenische Purpura (ITP), wenn andere Therapien versagen
- Hereditäre Sphärozytose (Kugelzellanämie) mit symptomatischer Hämolyse
- Manche Lymphome zur Diagnose oder bei Hypersplenismus
- Milzmetastasen, primäre Milzlymphome (selten)
- Schwere Hämolyse bei Thalassämie
Folgen einer Splenektomie – OPSI-Syndrom
Nach Splenektomie ist das Risiko für schwere Infektionen mit kapseltragenden Bakterien (Pneumokokken, Meningokokken, Haemophilus influenzae) lebenslang deutlich erhöht. Das gefährlichste Krankheitsbild ist die OPSI (Overwhelming Post-Splenectomy Infection), eine fulminante Sepsis mit Letalität von bis zu 50%, die innerhalb von Stunden tödlich verlaufen kann.
Vorbeugung der OPSI
- Impfungen mindestens 2 Wochen vor einer geplanten Splenektomie, sonst so früh wie möglich danach:
- Pneumokokken (konjugiert PCV13 + Polysaccharid PPV23)
- Meningokokken ACWY und B
- Haemophilus influenzae Typ B
- Jährliche Influenzaimpfung
- Notfall-Antibiotikum mitführen: bei jeglicher Infektion mit Fieber sofort einnehmen. Häufig Amoxicillin/Clavulansäure (Augmentan)
- Notfallausweis mit Hinweis auf Splenektomie immer dabei haben
- Frühzeitig Arzt aufsuchen bei jedem Infekt mit Fieber, Schüttelfrost oder Krankheitsgefühl
- Reise- und Auslandsberatung spezifisch für Splenektomierte
- Antibiotika-Dauerprophylaxe bei Kindern unter 5 Jahren und in den ersten 2 Jahren nach Splenektomie diskutieren
- Achtsam bei Tierbissen, besonders Hunde, Katzen – Capnocytophaga canimorsus kann schwere Sepsis verursachen
Weitere Folgen der Splenektomie
- Erhöhtes Risiko für Thrombosen
- Veränderungen im Blutbild: Howell-Jolly-Körperchen, leichte Thrombozytose, Leukozytose
- Erhöhte Anfälligkeit für Babesiose, Malaria (besonders gefährlich)
- Risiko für späte chronische Erkrankungen ist mittlerweile nachgewiesen (kardiovaskuläre Erkrankungen, manche Tumoren)
Milzzysten
Echte Milzzysten sind selten. Pseudozysten (nach Trauma oder Infarkten) sind häufiger. Meist Zufallsbefund in der Sonographie. Therapie nur bei Symptomen oder Größe: Drainage, partielle Splenektomie.
Milzinfarkt
Verschluss eines Milzgefäßes mit Untergang von Milzgewebe. Ursachen: Embolien (z.B. bei Endokarditis, Vorhofflimmern), myeloproliferative Erkrankungen, Sichelzellanämie. Symptome: stechende Schmerzen im linken Oberbauch. Therapie: meist konservativ.
Apothekenberatung bei Milzerkrankungen und nach Splenektomie
In der Rathaus-Apotheke bieten wir splenektomierten Patienten:
- Impfberatung und Bereitstellung der empfohlenen Impfungen (in Zusammenarbeit mit Ihrem Hausarzt)
- Notfall-Antibiotikum für die häusliche Reserve auf Rezept
- Beratung zu Reisen, Auslandsaufenthalte (besondere Vorsicht in Malariagebieten)
- Notfallausweis oder Notfallarmband mit Hinweis auf die fehlende Milz
- Beratung bei Infekten mit Erstabschätzung des Schweregrades
- Insektenstichprophylaxe, besonders Repellentien
- Allgemeine Stärkung des Immunsystems durch Lebensstil, Ernährung, Mikronährstoffe
- Beratung bei Eisenhomöostase (Milz spielt wichtige Rolle im Eisenrecycling)
Eine fehlende oder erkrankte Milz erfordert eine angepasste medizinische Versorgung. Wir begleiten Sie mit fundiertem Wissen, Verfügbarkeit der wichtigen Medikamente und persönlicher Beratung, damit Sie ein normales, sicheres Leben führen können.
