Erkrankungen des Immunsystems


Das Immunsystem ist eines der komplexesten und faszinierendsten Systeme des menschlichen Körpers. Es schützt uns vor Bakterien, Viren, Pilzen und Parasiten und ist mitverantwortlich für die Erkennung und Beseitigung entarteter Körperzellen. Wenn es zu schwach reagiert, drohen Infektionen und Krebs; wenn es überreagiert, entstehen Allergien und Autoimmunerkrankungen. Eine ausgewogene, funktionierende Immunabwehr ist also entscheidend für unsere Gesundheit.

Wie funktioniert das Immunsystem?

Das Immunsystem hat zwei große Säulen:

Unspezifische (angeborene) Immunabwehr

  • Mechanische Barrieren: Haut, Schleimhäute, Säuremantel, Flimmerepithelien, Magensäure
  • Zelluläre Komponenten: Granulozyten, Monozyten/Makrophagen, NK-Zellen (natürliche Killerzellen), dendritische Zellen
  • Lösliche Faktoren: Komplementsystem, Akute-Phase-Proteine, Interferone, Lysozym, Defensine

Reagiert schnell, unspezifisch, ohne Gedächtnis – in den ersten Minuten bis Stunden einer Infektion.

Spezifische (adaptive) Immunabwehr

  • Zelluläre Komponente: T-Lymphozyten (Helfer- und Killerzellen)
  • Humorale Komponente: B-Lymphozyten, die Antikörper produzieren
  • Gedächtnis: Erinnerung an frühere Infektionen, ermöglicht schnellere und stärkere Reaktion bei erneutem Kontakt – Grundlage für die Wirkung von Impfungen

Reagiert langsamer, hochspezifisch, mit Gedächtnisbildung – in den ersten Tagen bis Wochen.

Allergien – Überreaktionen des Immunsystems

Bei Allergien reagiert das Immunsystem überschießend auf eigentlich harmlose Substanzen (Allergene). Allergien sind eine der häufigsten chronischen Erkrankungen weltweit.

Klassifikation nach Coombs und Gell

  • Typ I (IgE-vermittelt): Sofortreaktion innerhalb von Minuten (Heuschnupfen, allergisches Asthma, Nahrungsmittelallergie, Insektenstichallergie, Anaphylaxie). 90% aller Allergien
  • Typ II (zytotoxisch): antikörpervermittelte Zerstörung von Zellen (autoimmunhämolytische Anämie, Transfusionsreaktion)
  • Typ III (immunkomplexvermittelt): Ablagerung von Immunkomplexen (Serumkrankheit, exogen-allergische Alveolitis)
  • Typ IV (T-Zell-vermittelt, verzögert): Reaktion nach 48-72 Stunden (Kontaktekzem, Arzneimittelexantheme, Transplantatabstoßung)

Häufige Typ-I-Allergien

  • Heuschnupfen (allergische Rhinitis): saisonal (Pollen) oder ganzjährig (Hausstaubmilben, Tierhaare, Schimmelpilze). Symptome: Niesen, laufende/verstopfte Nase, juckende, tränende Augen
  • Allergisches Asthma: häufig im Anschluss an oder zusammen mit Heuschnupfen. Symptome: Atemnot, pfeifende Atemgeräusche, trockener Husten, Engegefühl in der Brust
  • Nahrungsmittelallergien: häufig Erdnüsse, Baumnüsse, Milcheiweiß, Hühnereiweiß, Soja, Weizen, Fisch, Schalentiere
  • Insektengiftallergie: Bienen, Wespen – kann zur lebensbedrohlichen Anaphylaxie führen
  • Atopisches Ekzem (Neurodermitis): chronische Hauterkrankung
  • Urtikaria (Nesselsucht): akute oder chronische Form

Diagnostik

  • Anamnese (Schlüssel zur Diagnose: was, wann, wo, wie lange?)
  • Prick-Test (Hauttest mit Allergenextrakten)
  • Spezifisches IgE im Blut (RAST/ImmunoCAP)
  • Provokationstests (oral, nasal, bronchial) – bei unklaren Fällen unter ärztlicher Aufsicht
  • Komponentendiagnostik bei Nahrungsmittelallergien

Therapie

  • Allergenkarenz (Meidung) wenn möglich
  • Symptomatische Therapie: Antihistaminika (Cetirizin, Loratadin, Desloratadin, Bilastin), nasale Kortikosteroide (Mometason, Fluticason), Cromoglykate, Augentropfen
  • Asthma-Therapie: inhalative Kortikosteroide, langwirksame Beta-2-Mimetika, Montelukast, Biologika (Omalizumab, Mepolizumab, Dupilumab)
  • Spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung): Allergen-Injektionen oder Sublingual-Tabletten/Tropfen über 3 Jahre – einzige kausale Therapie. Sehr wirksam bei Pollen-, Milben-, Insektenallergien
  • Notfallset bei Anaphylaxie-Risiko: Adrenalin-Autoinjektor (EpiPen, Jext), orales Kortikosteroid, schnellwirksames Antihistaminikum

Autoimmunerkrankungen

Bei Autoimmunerkrankungen attackiert das Immunsystem körpereigene Strukturen. Es gibt über 80 verschiedene Formen. Häufige:

  • Hashimoto-Thyreoiditis (chronische lymphozytäre Schilddrüsenentzündung) – führt zur Unterfunktion. Therapie: L-Thyroxin
  • Morbus Basedow – führt zur Überfunktion. Therapie: Thyreostatika, Radiojod, Operation
  • Diabetes mellitus Typ 1 – Zerstörung der Insulin-produzierenden Zellen. Therapie: Insulinersatz
  • Multiple Sklerose (MS) – chronisch-entzündliche Erkrankung des ZNS. Therapie: Immunmodulatoren (Interferone, Glatirameracetat), Immunsuppressiva, monoklonale Antikörper (Natalizumab, Ocrelizumab, Ofatumumab)
  • Rheumatoide Arthritis – chronische Gelenkentzündung. Therapie: DMARDs (Methotrexat, Sulfasalazin, Leflunomid), Biologika (TNF-Inhibitoren, IL-6-Antagonisten, JAK-Inhibitoren)
  • Lupus erythematodes systemicus – Multiorganerkrankung mit Antikörpern gegen DNA. Therapie: Hydroxychloroquin, Kortikosteroide, Immunsuppressiva, Belimumab, Anifrolumab
  • Morbus Crohn und Colitis ulcerosa – chronisch-entzündliche Darmerkrankungen. Therapie: 5-ASA, Kortikosteroide, Immunsuppressiva, Biologika
  • Psoriasis – chronisch-entzündliche Hauterkrankung. Therapie: Lokaltherapie, Phototherapie, systemisch (Methotrexat, Apremilast, Biologika)
  • Zöliakie – Glutenunverträglichkeit. Therapie: lebenslange streng glutenfreie Diät
  • Myasthenia gravis – Antikörper gegen Acetylcholinrezeptoren. Therapie: Cholinesterasehemmer, Immunsuppressiva, Thymektomie

Primäre Immundefekte

Angeborene Störungen des Immunsystems. Sehr selten, oft im Kindesalter auffällig. Beispiele:

  • Hypogammaglobulinämie / X-chromosomale Agammaglobulinämie
  • Variables Immundefektsyndrom (CVID)
  • Selektiver IgA-Mangel (häufigster Immundefekt, oft asymptomatisch)
  • Schwerer kombinierter Immundefekt (SCID, "Bubble-boy-Syndrom")
  • DiGeorge-Syndrom
  • Hyper-IgM-Syndrom, Hyper-IgE-Syndrom

Warnsignale für einen primären Immundefekt:

  • ≥ 8 Otitiden pro Jahr
  • ≥ 2 schwere Sinusitiden pro Jahr
  • ≥ 2 Pneumonien pro Jahr
  • Wiederkehrende Hautabszesse, tiefe Organabszesse
  • Persistierende Pilzinfektionen
  • Infektionen mit ungewöhnlichen Erregern
  • Mehr als 2 Monate Antibiotikagabe ohne Erfolg
  • Familiäre Häufung von Immundefekten

Sekundäre Immundefekte

Erworbene Schwächung des Immunsystems. Häufige Ursachen:

  • HIV-Infektion (AIDS): Zerstörung der CD4-T-Helferzellen
  • Krebserkrankungen (besonders Leukämien, Lymphome, Multiples Myelom)
  • Chemotherapie und Strahlentherapie
  • Immunsuppressiva (nach Transplantation, bei Autoimmunerkrankungen)
  • Kortikosteroide in hoher Dosis über längere Zeit
  • Diabetes mellitus (besonders schlecht eingestellt)
  • Chronische Niereninsuffizienz, Dialyse
  • Mangelernährung, Eiweißmangel
  • Stress, Schlafmangel
  • Alter (Immunoseneszenz)
  • Splenektomie (Milzentfernung)

Sich selbst stärken – das Immunsystem unterstützen

Lebensstil

  • Ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung mit viel Gemüse und Obst, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen, Olivenöl, Fisch
  • Ausreichend Vitamin D (besonders im Winter)
  • Regelmäßige, aber moderate Bewegung (zu intensive Belastung kann das Immunsystem vorübergehend schwächen)
  • Ausreichend Schlaf (7-9 Stunden)
  • Stressreduktion: Yoga, Meditation, Achtsamkeit
  • Nichtrauchen und Alkohol in Maßen
  • Soziale Kontakte pflegen
  • Lachen und positive Emotionen

Nahrungsergänzungsmittel

  • Vitamin C – Antioxidans, in akuten Infekten 0,5-1 g/Tag
  • Vitamin D – immunmodulierend, insbesondere bei nachgewiesenem Mangel
  • Zink – essentielles Spurenelement für die Immunabwehr, in akuten Infekten und vorbeugend in Wintermonaten
  • Selen – antioxidativ, immunmodulierend
  • Probiotika – unterstützen die Darm-assoziierte Immunabwehr
  • Echinacea (Sonnenhut) – immunmodulierend, vor allem in der frühen Infektphase
  • Beta-Glucane aus Pilzen (Reishi, Shiitake, Maitake)
  • Holunder, Sanddorn, Ingwer – klassische Hausmittel

Impfungen

Aktiver Schutz vor Krankheiten, die das Immunsystem stark belasten würden. Besonders wichtig für Risikogruppen:

  • Influenza (jährlich)
  • Pneumokokken
  • Herpes zoster (ab 60 Jahre)
  • SARS-CoV-2 nach aktuellen STIKO-Empfehlungen
  • Standardimpfungen (Tetanus, Diphtherie, Pertussis, MMR, Varizellen) regelmäßig auffrischen

Apotheke und Immunsystem

In der Rathaus-Apotheke beraten wir Sie zu allen Aspekten der Immunabwehr:

  • Antihistaminika und Notfallmedikamente für Allergiker
  • Hyposensibilisierungs-Präparate (auf Rezept)
  • Asthma-Sprays und Inhalationstechnik
  • Nahrungsergänzungsmittel zur Immununterstützung (individuelle Beratung!)
  • Probiotika und Darmgesundheit
  • Glutenfreie Lebensmittel für Zöliakiepatienten
  • Beratung zu Wechselwirkungen von Immunsuppressiva
  • Hygiene-Produkte und Infektionsschutz
  • Reiseimpfberatung und Reiseapotheke

Immunberatung

Stärken Sie Ihre Abwehrkräfte mit fundierter Beratung.

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