Erkrankungen der Lymphgefäße
Das Lymphsystem ist ein wichtiges Transport- und Reinigungssystem des Körpers. Es schleust überschüssige Gewebsflüssigkeit, Eiweiße, Zellbestandteile und Fremdkörper ab und ist ein zentraler Teil des Immunsystems. Erkrankungen der Lymphgefäße können erhebliche Lebensqualitätseinbußen verursachen, sind aber oft gut behandelbar – vorausgesetzt, sie werden früh erkannt.
Anatomie und Funktion des Lymphsystems
Das Lymphsystem besteht aus:
- Lymphkapillaren: entstehen blind im Gewebe, nehmen die Lymphflüssigkeit auf
- Lymphgefäßen: transportieren die Lymphe Richtung Herz; haben Klappen
- Lymphknoten: Filter- und Abwehrstationen (Hals, Achseln, Leiste, Bauchraum, Brustkorb)
- Lymphorgane: Milz, Thymus, Tonsillen, Mandeln, Peyer-Plaques im Darm
- Hauptlymphbahnen: Ductus thoracicus (Brustgang) und Ductus lymphaticus dexter, münden in die Venenwinkel oberhalb der Schlüsselbeine
Pro Tag werden 2-4 Liter Lymphe transportiert. Wird der Transport gestört, kommt es zu Wasseransammlungen im Gewebe – Lymphödem.
Lymphödem
Definition und Ursachen
Das Lymphödem ist eine eiweißreiche Schwellung des Gewebes durch eine gestörte Lymphdrainage.
Primäres Lymphödem (selten):
- Angeboren: Lymphgefäßmissbildungen, Milroy-Syndrom
- Frühmanifest: typisch bei jungen Frauen (Lymphoedema praecox)
- Spätmanifest: jenseits des 35. Lebensjahres
Sekundäres Lymphödem (häufig):
- Nach Krebsoperationen mit Lymphknotenausräumung (besonders Brustkrebs, gynäkologische Tumoren, Melanom, urologische Tumoren)
- Nach Bestrahlung der Lymphbahnen
- Nach Verletzungen, Verbrennungen
- Nach Infektionen (z.B. Erysipel)
- Bei Filariose (tropische Wurmerkrankung, weltweit häufigste Ursache)
- Bei Tumorinfiltration der Lymphbahnen
- Bei chronischer venöser Insuffizienz (Phlebolymphödem)
Stadien
- Stadium 0 (latent): noch keine sichtbare Schwellung, aber Lymphtransportstörung nachweisbar
- Stadium I (reversibel): weiche Schwellung, durch Hochlagerung über Nacht reversibel, Dellbarkeit
- Stadium II (spontan irreversibel): verhärtete Schwellung, fibrotische Veränderungen, kaum Dellen, durch Hochlagerung kaum besser
- Stadium III (Elephantiasis): massive Schwellung, deformierte Extremität, Hautveränderungen (Papillomatose, Hyperkeratose, Bläschen, Lymphfisteln)
Symptome
- Asymmetrische Schwellung der Extremität (Arm oder Bein), oft beginnt distal (Fuß, Hand)
- Spannungs-, Schweregefühl, Müdigkeit
- Stemmer-Zeichen positiv: man kann die Haut über den Zehengrundgelenken nicht zu einer Falte abheben
- Vertiefung der Hautfalten
- Selten Schmerzen (bei akuten Infektionen oder Spannungsgefühl)
- Wiederholte Hautinfektionen (Erysipel)
- Bei Brustkrebs: ipsilateraler Armschwellung
Diagnose
- Klinische Untersuchung (Stemmer-Zeichen, Vergleich beider Seiten)
- Anamnese (Operationen, Bestrahlung, Reisen)
- Lymphszintigraphie: bildgebende Darstellung der Lymphbahnen
- MRT-Lymphangiographie, ICG-Lymphographie
- Doppler-Sonographie zum Ausschluss venöser Ursachen (Thrombose, Insuffizienz)
- Laboruntersuchungen (Differentialdiagnose)
Therapie – KPE (Komplexe Physikalische Entstauungstherapie)
Die KPE ist die Grundpfeiler der Therapie. Sie besteht aus 4 Komponenten:
- 1. Manuelle Lymphdrainage (MLD): spezielle, schonende Massagetechnik durch geschulte Therapeuten. Verschiebt die Lymphflüssigkeit von gestauten zu intakten Bereichen.
- 2. Kompressionstherapie: in der Entstauungsphase mehrlagige Kurzzugbinden, in der Erhaltungsphase Flachstrick-Kompressionsstrümpfe (auf Maß angefertigt!)
- 3. Bewegungstherapie: spezielle Übungen unter Kompression zur Aktivierung der Muskelpumpe
- 4. Hautpflege: regelmäßige Reinigung mit pH-neutralen Mitteln, Eincremen mit harnstoffhaltigen oder lipidreichen Pflegeprodukten, Vermeidung von Verletzungen
Die KPE wird in zwei Phasen durchgeführt:
- Phase 1 (Entstauung): 2-4 Wochen, täglich MLD, mehrlagige Bandagierung
- Phase 2 (Erhaltung): lebenslang. Flachstrick-Kompressionsstrümpfe tagsüber, MLD ein- bis mehrmals pro Woche, Selbstmanagement durch den Patienten
Operative Therapie (selten, in spezialisierten Zentren)
- Lymphovenöse Anastomosen (mikrochirurgischer Anschluss von Lymph- an Venengefäße)
- Vaskularisierter Lymphknotentransfer
- Liposuktion bei sekundärer Fettgewebsvermehrung
- Reduktionsplastik in fortgeschrittenen Fällen
Lymphangitis (Lymphgefäßentzündung)
Akute Entzündung eines Lymphgefäßes, meist durch bakterielle Infektion (Streptokokken oder Staphylokokken) ausgehend von einer Hautverletzung oder einem Erysipel.
Symptome: roter, schmerzhafter Streifen, der vom Infektionsherd zum nächsten Lymphknoten verläuft. Lymphknoten geschwollen und druckschmerzhaft. Allgemeinsymptome: Fieber, Schüttelfrost, Krankheitsgefühl.
Therapie: Hochlagerung der Extremität, Ruhigstellung, Antibiotika (meist Penicillin oder Cephalosporine), Behandlung der Eintrittsstelle. Häufig stationäre Behandlung notwendig.
Erysipel (Wundrose)
Bakterielle Hautinfektion (meist Streptokokken), häufig bei Patienten mit Lymphödem. Wiederkehrende Erysipele können das Lymphödem verschlimmern. Es entsteht ein Teufelskreis.
Symptome: scharf begrenzte, hochrote, schmerzhafte Hautrötung, oft mit Fieber, Schüttelfrost, Allgemeinbeschwerden. Häufig am Unterschenkel.
Therapie: Penicillin G hochdosiert iv. oder Cephalosporine, bei Penicillinallergie Clindamycin/Makrolide. Therapie 10-14 Tage. Bei häufigen Rezidiven: Langzeitprophylaxe mit Penicillin V oral oder Benzathin-Penicillin alle 3-4 Wochen.
Lipödem (Symmetrische Fettverteilungsstörung)
Häufig mit Lymphödem verwechselt, aber eine separate Erkrankung. Symmetrische, schmerzhafte Fettvermehrung an Beinen (und/oder Armen), vor allem bei Frauen. Beginnt oft in der Pubertät, Schwangerschaft oder Menopause – hormonelle Komponente.
Kennzeichen:
- Symmetrische Verteilung
- Stemmer-Zeichen negativ (Hand und Fuß bleiben schmal)
- Druckschmerzhaftigkeit der Beine
- Hämatomneigung
- Disproportion: dicke Beine, schmale Hüfte/Oberkörper
- Nicht durch Diät zu reduzieren
- Im Gegensatz zum Lymphödem: weiche, nicht fibrotische Schwellung
Therapie: KPE, vor allem Flachstrick-Kompressionsstrümpfe und manuelle Lymphdrainage. Bei fortgeschrittenem Lipödem: Liposuktion (Wassersug-Liposuktion oder tumeszente Liposuktion in spezialisierten Zentren).
Praktische Tipps für Patienten mit Lymphödem
- Konsequente Kompression tragen, niemals weglassen
- Bewegung mit Kompression: Schwimmen, Radfahren, Nordic Walking ideal
- Hautpflege: tägliche Pflege mit harnstoffhaltigen Produkten, Vermeidung von Reibung und Verletzungen
- Verletzungen vermeiden: bei Maniküre/Pediküre vorsichtig, Schutzhandschuhe bei Hausarbeit/Garten, Insektenschutz
- Hitze meiden: Sauna, heiße Bäder, intensive Sonneneinstrahlung, heiße Massagen können Lymphödem verschlimmern
- Keine Blutdruckmessung, Blutabnahme oder Spritzen am betroffenen Arm (bei Brustkrebs-bedingtem Lymphödem)
- Keine einschnürende Kleidung, Schmuck, Uhren
- Bei Fernreisen: Kompression intensivieren, viel Bewegung, viel trinken
- Reisepass mitnehmen: lymphologische Atteste für Sicherheitskontrollen
- Selbstmessungen: Umfangsmessung regelmäßig, Tagebuch
- Bei akuter Schmerzzunahme, Rötung, Fieber: sofort Arzt (Verdacht auf Erysipel)
Unser Angebot in der Rathaus-Apotheke
- Flachstrick-Kompressionsstrümpfe: ärztliche Verordnung, individuelle Vermessung in unserer Apotheke durch unsere zertifizierten Bandagisten
- Kompressionsbandagen für die Entstauungsphase
- Anziehhilfen, um die Strümpfe leichter anziehen zu können
- Pflegeprodukte: harnstoffhaltige Cremes (Eucerin Urea, Dermasence Mousse), milde Reinigungsprodukte, lipidreiche Salben
- Beratung zu Themen wie Hautpflege, Vermeidung von Verletzungen, Sportwahl
- Vermittlung zu erfahrenen Lymphtherapeuten in der Region
- Antibiotika bei Erysipel-Rezidiven (auf Rezept)
- Insektenschutz und Wundversorgungsprodukte
In der Rathaus-Apotheke begleiten wir Sie mit Sachverstand und Geduld auf Ihrem Weg im Umgang mit dem Lymphödem. Bei Fragen zu Verordnungen, zur Kostenübernahme durch die Krankenkasse oder zu speziellen Versorgungsmöglichkeiten beraten wir Sie ausführlich und vertraulich.
