Erkrankungen des Dünn- und Dickdarms
Der Darm ist mehr als ein Transportorgan. Mit seinen rund 7 bis 8 Metern Länge ist er für die Aufspaltung der Nährstoffe, die Wasserrückgewinnung, die Immunabwehr und einen großen Teil unseres Wohlbefindens zuständig. Wenn er nicht rund läuft, spürt man das im ganzen Körper. Wir möchten Ihnen die wichtigsten Krankheitsbilder vorstellen.
Reizdarmsyndrom (RDS)
Das Reizdarmsyndrom betrifft etwa 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung in westlichen Industriestaaten. Es handelt sich um eine Funktionsstörung ohne organisch fassbare Ursache. Typisch sind Bauchschmerzen, Blähungen, Veränderungen des Stuhlgangs (Durchfall, Verstopfung oder Wechsel), Druck- oder Völlegefühl. Eine ausführliche Diagnostik soll andere Ursachen ausschließen, dann wird das Krankheitsbild als gesichert angenommen.
Therapie-Bausteine:
- FODMAP-arme Kost: Verzicht auf fermentierbare Kohlenhydrate wie Laktose, Fruktose, Sorbit, bestimmte Ballaststoffarten; idealerweise unter Anleitung einer ernährungsmedizinischen Praxis
- Pfefferminzöl-Kapseln (z. B. Medacalm, Buscomint) als spasmolytischer Erstansatz
- Iberogast bei mehrkomponenten Beschwerden
- Probiotika (z. B. mit Bifidobacterium infantis, Lactobacillus plantarum) zeigen in Studien Linderung
- Mebeverin oder Trospiumchlorid bei krampfartigen Beschwerden
- Loperamid bei Durchfall-dominanten Formen, sparsam
- Macrogol oder Linaclotid bei Verstopfung-dominanten Formen
- Niedrig dosierte trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin 10 bis 25 mg vor der Nacht bei chronischen Schmerzen
- Stressbewältigung: Verhaltenstherapie, achtsamkeitsbasierte Verfahren, Hypnose nach Manchester-Protokoll
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED)
Zu dieser Gruppe zählen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Beide Erkrankungen verlaufen in Schüben. Morbus Crohn kann den gesamten Verdauungstrakt befallen, häufig den letzten Dünndarmabschnitt und den Übergang in den Dickdarm. Colitis ulcerosa beschränkt sich auf den Dickdarm. Beide Erkrankungen werden durch ein Zusammenspiel von Genetik, Umweltfaktoren und immunologischer Fehlsteuerung ausgelöst.
Typische Beschwerden:
- Anhaltende Durchfälle, oft mit Schleim- oder Blutbeimengung
- Bauchschmerzen, Krämpfe
- Gewichtsverlust, Müdigkeit, Schwäche
- Außerhalb des Darms: Gelenkbeschwerden, Hautveränderungen, Augenentzündungen, Galleerkrankungen
- Bei Kindern: Wachstumsstörungen
Therapie: Im Schub kommen Glukokortikoide (lokal oder systemisch), 5-Aminosalicylate (Mesalazin) und im weiteren Verlauf Immunsuppressiva (Azathioprin, Methotrexat) oder Biologika (Anti-TNF wie Infliximab/Adalimumab, Vedolizumab, Ustekinumab) zum Einsatz. JAK-Inhibitoren wie Tofacitinib sind neuere orale Optionen. Die Behandlung erfolgt durch gastroenterologische Praxen.
Zöliakie (Sprue)
Bei der Zöliakie reagiert das Immunsystem auf Gluten in Weizen, Roggen, Gerste und Dinkel mit einer Entzündung des Dünndarms. Die Zotten werden zerstört, die Nährstoffaufnahme ist gestört. Symptome reichen von chronischem Durchfall, Bauchschmerzen und Gewichtsverlust bis zu Eisenmangel, Müdigkeit, Knochenproblemen oder nur Hautveränderungen (Dermatitis herpetiformis). Die Diagnose stützt sich auf Antikörper im Blut (Anti-Transglutaminase) und eine Dünndarmbiopsie. Therapie ist eine lebenslange streng glutenfreie Ernährung. Inzwischen gibt es ein gutes Angebot an glutenfreien Lebensmitteln; ärztliche und ernährungsmedizinische Begleitung ist wichtig.
Reizdarm vs. Zöliakie vs. Weizensensitivität
Häufig schwer abzugrenzen sind diese drei Krankheitsbilder. Bevor eine glutenfreie Ernährung begonnen wird, sollte eine Zöliakie ausgeschlossen werden – danach kann man die Antikörper nicht mehr zuverlässig nachweisen. Eine Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität ist umstritten, könnte aber mit anderen Bestandteilen des Weizens (FODMAPs, ATIs) zusammenhängen.
Divertikelkrankheit und Divertikulitis
Mit zunehmendem Alter bilden sich bei vielen Menschen Ausstülpungen der Dickdarmwand – Divertikel. Etwa 30 Prozent der über 60-Jährigen sind betroffen, viele bleiben beschwerdefrei. Wenn sich ein Divertikel entzündet, spricht man von einer Divertikulitis. Symptome: Schmerzen meist im linken Unterbauch, Fieber, veränderter Stuhlgang. Eine Computertomografie sichert die Diagnose und stuft den Schweregrad ein.
Therapie:
- Leichte unkomplizierte Form: oft ambulant mit flüssiger Kost und Beobachtung
- Mittelschwere: Antibiotika, je nach Schweregrad oral oder stationär intravenös
- Komplikationen (Abszess, Perforation, Fistel): operative Maßnahmen, ggf. Resektion
- Vorbeugung: ballaststoffreiche Kost (30 g pro Tag), ausreichend Trinken, regelmäßige Bewegung, Gewichtskontrolle
Darmkrebs (kolorektales Karzinom)
Darmkrebs ist die zweithäufigste Krebserkrankung in Deutschland. Frühformen verursachen oft keine Beschwerden. Warnsignale sind Blut im Stuhl, Wechsel der Stuhlgewohnheiten über Wochen, Gewichtsverlust, anhaltende Bauchschmerzen, Anämie unklarer Ursache. Die Vorsorgekoloskopie ab 50 (Frauen) bzw. 50 (Männer) hat die Sterblichkeit deutlich gesenkt, weil viele Polypen rechtzeitig entfernt werden. Bei familiärer Vorbelastung wird früher untersucht.
Therapie nach Stadium: chirurgische Entfernung, ggf. Chemotherapie, bei Rektumkarzinom auch Strahlentherapie. Bei metastasierter Erkrankung kommen zielgerichtete Therapien (Cetuximab, Bevacizumab) und Immuntherapie (bei MSI-hohen Tumoren) zum Einsatz.
Reisedurchfall und infektiöse Darmerkrankungen
Durchfallerkrankungen durch Bakterien, Viren oder Parasiten sind in unseren Breiten meist mild und selbstlimitierend. Bei Reisen in subtropische Länder steigt die Wahrscheinlichkeit für Reisediarrhoe (häufig E. coli, Salmonellen, Campylobacter, seltener Shigellen, Lamblien, Amöben). Wichtig:
- Flüssigkeits- und Elektrolytersatz ist die zentrale Maßnahme: Oralrehydratationslösung (Electrolyte, Elotrans)
- Loperamid bei wässrigem, fieberfreiem Durchfall ohne Blutbeimengung
- Probiotika wie Saccharomyces boulardii können den Verlauf verkürzen
- Antibiotika nur bei schwerem Verlauf mit Fieber, Blut im Stuhl oder bei Hochrisikopatienten
- Vorsorge: nur abgekochtes Wasser, Eis vermeiden, Speisen gut erhitzt, Obst selbst schälen, Händehygiene
Was die Apotheke leistet
- Beratung zur Selbstmedikation bei Durchfall, Blähungen, Verstopfung, Bauchschmerzen
- Reiseapotheken-Set inklusive Elektrolytlösung, Loperamid, Probiotika, Schmerzmittel, Wundpflege
- FODMAP-arme Ernährung bei Reizdarm: Verträglichkeitslisten und Buchempfehlungen
- Glutenfreie Produkte im Sortiment, Vermeidung versteckter Glutenquellen besprechen
- Begleitung bei Mesalazin- und Biologika-Therapie: Lagerung, Anwendung, Wechselwirkungen
- Eisen- und Vitaminpräparate bei Mangelsituationen unter Berücksichtigung der Resorption
- Erinnerung an Vorsorge-Termine für Darmkrebs ab 50, früher bei familiärer Belastung
- Tipps zur Stoma-Pflege und passende Produkte
Wann ärztlich abklären
- Blut im Stuhl, Teerstuhl, Anämiezeichen
- Veränderte Stuhlgewohnheiten über mehr als 3 Wochen
- Ungewollter Gewichtsverlust
- Schmerzen, die nicht ablassen oder zunehmen
- Anhaltender Durchfall über 4 Wochen
- Erstmaliges Auftreten von Bauchbeschwerden ab 50
- Familienanamnese mit Darmkrebs – Vorsorge mindestens 10 Jahre früher als der jüngste Erkrankungsfall
- Reisedurchfall mit Fieber, blutigem Stuhl, schwerem Verlauf
- Bekanntes Reizdarmsyndrom mit plötzlicher Veränderung des Musters
Beratung in der Rathaus-Apotheke Neuwied
Darmerkrankungen sind oft Tabu-Themen – bei uns dürfen Sie offen ansprechen, was Sie belastet. Wir helfen Ihnen, Beschwerden einzuordnen, eine sinnvolle Selbsthilfe zu starten und im Gespräch herauszufinden, wann ein Termin in der gastroenterologischen Praxis dran ist. Bringen Sie Ihren aktuellen Medikamentenplan und Ernährungstagebuch mit – gemeinsam finden wir die nächsten Schritte.
