Erkrankungen der Speiseröhre
Die Speiseröhre (Ösophagus) ist ein etwa 25 cm langer Muskelschlauch, der den Rachen mit dem Magen verbindet. Sie transportiert die Nahrung mit Wellenbewegungen (Peristaltik) und schließt am unteren Ende den Magen ab. Wenn die Speiseröhre nicht reibungslos arbeitet, spüren wir das schnell – in Form von Sodbrennen, Schluckbeschwerden oder Schmerz hinter dem Brustbein. Wir möchten Ihnen die wichtigsten Krankheitsbilder vorstellen.
Gastroösophageale Refluxkrankheit (GERD)
Die mit Abstand häufigste Erkrankung der Speiseröhre. Saurer Mageninhalt fließt zurück und reizt die Schleimhaut. Typische Beschwerden:
- Sodbrennen, vor allem nach dem Essen oder im Liegen
- Saurer Geschmack im Mund, Aufstoßen
- Brennende Schmerzen hinter dem Brustbein
- Chronischer Husten, Heiserkeit, Räusperzwang
- Schluckbeschwerden, Verschwommensehen
- Asthma-ähnliche Beschwerden bei nächtlichem Reflux
Therapie
- Lebensstilanpassung: kleinere Mahlzeiten, kein spätes Abendessen, Kopfteil des Betts erhöhen, Gewichtsreduktion bei Übergewicht, Rauchstopp
- Antazida (Rennie, Talcid, Maaloxan) für die Akutsituation
- Alginate (Gaviscon Dual, Gaviscon Advance) bilden eine Schicht auf dem Mageninhalt
- H2-Blocker (Famotidin) bei leichten Beschwerden
- Protonenpumpenhemmer (Pantoprazol, Omeprazol, Esomeprazol) bei mittelschwerer und schwerer Form
- Operation (Fundoplikatio) bei nicht ausreichend ansprechenden Verläufen
Refluxösophagitis und Barrett-Ösophagus
Chronischer Reflux führt zu sichtbaren Entzündungen der Schleimhaut (Refluxösophagitis), eingeteilt nach der Los-Angeles-Klassifikation (Grad A bis D). Bei jahrelang bestehendem Reflux entwickeln einige Patienten einen Barrett-Ösophagus: die normale Plattenepithelschleimhaut wird durch Drüsenzellen ersetzt. Diese Veränderung gilt als Vorstufe von Speiseröhrenkrebs und wird durch regelmäßige Endoskopien überwacht (alle 3 bis 5 Jahre, häufiger bei Dysplasie).
Achalasie
Eine seltene neuromuskuläre Erkrankung: der untere Schließmuskel öffnet sich beim Schlucken nicht ausreichend, die Peristaltik der Speiseröhre ist gestört. Typische Symptome: Schluckbeschwerden für feste und flüssige Speisen, Aufstoßen unverdauter Nahrung, Gewichtsverlust, Brustschmerzen. Diagnose über Manometrie und Endoskopie. Therapie: pneumatische Dilatation, peri-orale endoskopische Myotomie (POEM) oder operative Heller-Myotomie.
Eosinophile Ösophagitis
Eine zunehmend diagnostizierte allergisch-immunologische Erkrankung, vor allem bei jüngeren Männern. Symptome: Schluckstörungen, Bolus-Steckenbleiben (vor allem festes Fleisch oder Brot), Brustschmerzen. Diagnose durch Endoskopie mit Schleimhautbiopsie (eosinophile Infiltration). Therapie: Diät (Eliminationsdiät), Protonenpumpenhemmer in hoher Dosis, topische Kortikosteroide (geschlucktes Budesonid), Anti-IL-4/IL-13 (Dupilumab) bei schwerer Form.
Speiseröhrenstrikturen (Verengungen)
Verengungen können durch chronischen Reflux, Verätzungen, Operationen oder Tumoren entstehen. Symptome: zunehmende Schluckbeschwerden, vor allem bei festen Speisen, langsames Essen, Bolus-Probleme. Therapie: endoskopische Dilatation mit Ballons oder Bougies, ggf. wiederholt; lokale Steroidinjektion bei rezidivierenden Strikturen.
Speiseröhrenkrebs (Ösophaguskarzinom)
Zwei Hauptformen: Plattenepithelkarzinom (Alkohol, Rauchen) und Adenokarzinom (Barrett-Ösophagus, GERD). Beide haben in Frühstadien gute Heilungschancen, in fortgeschrittenen Stadien deutlich schlechter. Symptome: zunehmende Schluckbeschwerden, Gewichtsverlust, Reflux-Beschwerden, Schmerzen hinter dem Brustbein. Diagnose: Endoskopie mit Biopsie, Staging mit CT, Endosonografie, PET-CT. Therapie nach Stadium: Operation, Chemotherapie, Strahlentherapie, Immuntherapie.
Mallory-Weiss-Syndrom
Risse in der Speiseröhrenschleimhaut, meist nach starkem Erbrechen (Alkoholexzess, Bulimie, schwere Übelkeit). Symptome: hellrotes Bluterbrechen. Diagnose und ggf. Versorgung über Endoskopie. In den meisten Fällen heilen die Risse spontan.
Ösophagusvarizen
Krampfaderartige Erweiterungen der Speiseröhren-Venen, meist Folge einer Leberzirrhose mit Pfortaderhochdruck. Risiko: lebensbedrohliche Blutung. Therapie: Beta-Blocker (Propranolol, Carvedilol) zur Prophylaxe, endoskopische Bandligatur, transjuguläre intrahepatische portosystemische Shunts (TIPS) in schweren Fällen.
Funktionelle Schluckstörungen
Bei manchen Menschen treten Schluckstörungen ohne klare organische Ursache auf. Die Manometrie kann typische Veränderungen (jackhammer esophagus, diffuser Ösophagusspasmus) zeigen. Therapie: Calciumkanalblocker, Botox-Injektion, Verhaltenstherapie.
Wann ärztlich abklären
- Schluckbeschwerden, vor allem für feste Nahrung
- Bolus-Steckenbleiben – immer endoskopisch abklären
- Anhaltendes Sodbrennen über 4 Wochen ohne Besserung
- Gewichtsverlust ohne erkennbare Ursache
- Bluterbrechen oder Teerstuhl – sofort Notaufnahme
- Refluxbeschwerden mit nächtlichem Husten oder Heiserkeit
- Schmerzen beim Schlucken (Odynophagie)
- Familienanamnese mit Speiseröhren- oder Magenkrebs
Was die Apotheke leistet
- Selbstmedikation bei Sodbrennen: Antazida, Alginate, niedrig dosierte PPI
- Beratung zur Anwendung von PPI (morgens nüchtern, 30 Minuten vor dem Essen)
- Wechselwirkungs-Check zwischen PPI und Dauermedikation (Clopidogrel, Methotrexat)
- Empfehlung für die Reflux-freundliche Ernährung
- Bettkeile zur Hochlagerung
- Hilfsmittel für Dysphagie-Patienten (Andickungsmittel, Trinkbecher)
- Begleitung bei eosinophiler Ösophagitis: Empfehlung von Eliminationsdiäten, geschlucktem Budesonid
- Ernährungsberatung bei Patienten mit Schluckstörung
Beratung in der Rathaus-Apotheke Neuwied
Beschwerden im Bereich der Speiseröhre sind nicht immer einfach einzuordnen. Wir hören Ihnen zu, schlagen die passende erste Selbstmedikation vor und sagen offen, wann ein endoskopischer Termin sinnvoll ist. Bei chronischen Verläufen begleiten wir Sie über Monate und helfen, die Therapie an Ihre Routine anzupassen.
