Rekonstruktive Chirurgie
Rekonstruktive Chirurgie ist die wiederherstellende Schwester der ästhetischen Chirurgie. Sie ist medizinisch indiziert, oft nach Krebsoperationen, Verbrennungen, Unfällen oder bei angeborenen Fehlbildungen. Ziel ist Form, Funktion und Lebensqualität zurückzubringen. Wir möchten Ihnen einen Überblick über die wichtigsten Anwendungsfelder geben.
Brustrekonstruktion nach Mastektomie
Nach Brustkrebs entscheiden sich viele Frauen für eine Brustrekonstruktion. Möglichkeiten:
- Sofortige Rekonstruktion: im gleichen Eingriff wie die Mastektomie
- Verzögerte Rekonstruktion: Monate oder Jahre nach der Krebsoperation
- Implantat-basiert: Silikon- oder Salzwasser-Implantate, oft mit Expander-Vorbereitung
- Eigengewebe: DIEP-, TRAM-, SGAP-, Latissimus-dorsi-Lappen
- Hybride Techniken: Eigengewebe + Implantat
- Nipple-sparende Techniken bei geeigneter Indikation
- Symmetrie-OP der Gegenseite, falls nötig
Die Entscheidung ist sehr individuell und sollte gemeinsam mit der Brustzentrum-Spezialistin oder dem -Spezialisten getroffen werden. In Deutschland ist die Brustrekonstruktion Teil der onkologischen Vollversorgung und Kassenleistung.
Wiederherstellung nach Verbrennungen
Verbrennungen hinterlassen oft Narben, Kontrakturen, Funktionsstörungen. Rekonstruktive Maßnahmen:
- Z-Plastiken zur Kontraktur-Lösung
- Hautexpander zur Gewinnung gesunder Haut
- Spalthaut- und Vollhauttransplantationen
- Gewebeexpansion über mehrere Monate
- Lipofilling zur Auffüllung und Narbenverbesserung
- Laser- und Mikronadel-Therapie der Narbenstrukturen
- Funktionelle Rekonstruktion von Gelenken und Händen
Handchirurgie
Die Hand ist ein besonders komplexes Organ. Rekonstruktive Eingriffe:
- Sehnenrekonstruktion nach Verletzungen
- Nervenrekonstruktion (Nervennaht, Nerveninterposition, Nerventransfer)
- Beuge- und Strecksehnen-OPs
- Dupuytren-Kontraktur-OP (offen oder Nadelfasziotomie)
- Karpaltunnel-OP
- Schwanenhalsdeformität-Korrektur
- Knochenrekonstruktion nach Frakturen
- Replantation abgetrennter Finger
- Verkleinerung mehrerer Finger zu Einheiten bei extremen Verletzungen
Rekonstruktion nach Tumoroperationen
- Nach Hauttumor-Exzision: Defektdeckung durch Verschiebelappen, Z-Plastik, Vollhautlappen
- Nach Kopf-Hals-Tumoren: mikrochirurgische freie Lappen (Radialis-, Fibula-, ALT-Lappen)
- Nach Bauch- und Brustwandresektionen: Bauchdeckenrekonstruktion mit Mesh und Eigengewebe
- Nach Sarkomresektionen: komplexe Lappenplastiken
- Nach Vulvektomie oder Penektomie: spezialisierte rekonstruktive Eingriffe
- Brustrekonstruktion (siehe oben)
Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte
Eine der häufigsten angeborenen Fehlbildungen (ca. 1:500 Geburten). Die Behandlung erfolgt durch ein interdisziplinäres Team aus Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie, plastischer Chirurgie, HNO, Logopädie, Kieferorthopädie. Operationen finden in mehreren Schritten statt:
- Lippenverschluss um den 3. Lebensmonat
- Gaumenverschluss um den 8. bis 12. Lebensmonat
- Knöcherne Kieferspaltrekonstruktion ca. mit 9-11 Jahren
- Nasenkorrektur im Jugendalter
- Lebenslange Begleitung mit logopädischer und kieferorthopädischer Therapie
Mikrochirurgie
Die Mikrochirurgie unter dem Operationsmikroskop ist eine zentrale Technik der rekonstruktiven Chirurgie. Sie ermöglicht:
- Freie Lappenplastiken (Gewebe-Transfer von einer Körperregion an eine andere mit Gefäßanschluss)
- Replantation abgetrennter Gliedmaßen
- Nerventransfer und Nervennaht im 0,5-mm-Bereich
- Lymphkanal-Mikrochirurgie bei Lymphödem (Anschluss kleiner Lymphbahnen an Venen)
Lymphödem-Chirurgie
Bei chronischen Lymphödemen, oft nach Brustkrebs- oder Lymphknoten-Resektion, sind mikrochirurgische Verfahren eine Option:
- Lymphovenöse Anastomose: kleine Lymphbahnen werden mit Venen verbunden
- Vaskularisierter Lymphknoten-Transfer: gesunde Lymphknoten werden in die betroffene Region transplantiert
- Liposuktion bei fortgeschrittenem Lymphödem
Rekonstruktion nach Wunden und chronischen Hautdefekten
Druckulzera (Decubitus), diabetische Wunden, postoperative Wundheilungsstörungen erfordern oft komplexe Rekonstruktion:
- Wundkonditionierung mit Vakuum-Therapie
- Lokale, regionale oder freie Lappenplastiken
- Hauttransplantationen
- Interdisziplinäre Behandlung mit Diabetologie und Wundversorgung
Was die Apotheke leistet
- Wundpflege nach Eingriffen: spezielle Verbände, Antiseptika, Schaumverbände, Hydrokolloid- und Alginatverbände
- Narbenpflege mit Silikon-Gelen und -Pflastern (Dermatix, Kelo-cote, ScarSil)
- Kompressionswäsche, vor allem bei Lymphödem-Versorgung
- Hilfsmittel und Mobilitäts-Stützen
- Spezialprodukte für Brust-Prothesen und nach Mastektomie
- Vitamin- und Mineralpräparate für die Wundheilung (Zink, Vitamin C, Eiweiß)
- Schmerzmedikation und Begleittherapien nach Operation
- Beratung zur Verordnung von Hilfsmitteln durch Sozialdienst und Krankenkasse
- Begleitung bei langwierigen Rekonstruktionsprozessen über Monate
Was Sie wissen sollten
- Rekonstruktive Operationen sind Kassenleistungen, wenn medizinisch indiziert
- Die Erholung dauert meist deutlich länger als bei rein ästhetischen Eingriffen
- Mehrere Operationen über Monate oder Jahre sind oft nötig
- Realistische Erwartungen: Rekonstruktion bringt nicht immer die ursprüngliche Form zurück
- Psychologische Begleitung ist oft sinnvoll, vor allem bei tumor- oder verbrennungsbedingten Eingriffen
- Selbsthilfegruppen können sehr hilfreich sein (z. B. Frauenselbsthilfe Krebs, Verbrennungsverletzte-Hilfen)
- Spezialisierte Zentren mit hoher Fallzahl haben in der Regel bessere Ergebnisse
Beratung in der Rathaus-Apotheke Neuwied
Rekonstruktion ist ein Marathon, kein Sprint. Wir begleiten Sie über die gesamte Heilungsstrecke mit der passenden Wundversorgung, mit Kompression, mit Beratung zu Hilfsmitteln, und mit Aufmerksamkeit für die psychische Seite. Wenn Sie sich allein fühlen, sind wir ansprechbar – und vermitteln Sie an Sozialdienste und Selbsthilfegruppen in der Region.
