Sexuelle Funktionsstörungen
Sexuelle Funktionsstörungen sind sehr verbreitet. Etwa jeder dritte Mann und jede dritte Frau erlebt im Laufe des Lebens phasenweise oder dauerhafte Schwierigkeiten. Wer das Thema offen ansprechen kann, findet heute viele gute Therapieansätze. Wir möchten Ihnen die wichtigsten Krankheitsbilder, Ursachen und Hilfsangebote vorstellen.
Erektile Dysfunktion (ED) beim Mann
Erektionsstörungen sind die häufigste sexuelle Funktionsstörung beim Mann. Eine Erektion ist eine komplexe vaskuläre Reaktion. Ursachen sind oft gemischt:
- Organisch: Arteriosklerose, Diabetes, Bluthochdruck, hohe Blutfette, Übergewicht, Rauchen, Schlafapnoe
- Hormonell: Testosteronmangel, Schilddrüsenstörungen, Prolaktin-Erhöhung
- Neurologisch: nach Bandscheibenoperationen, Beckenoperationen (Prostata), Multiple Sklerose, Parkinson
- Medikamentenbedingt: Beta-Blocker, manche Diuretika, SSRI, Antiandrogene, Opioide
- Psychisch: Stress, Depression, Versagensangst, Beziehungskonflikt, Trauma
Diagnostik
- Anamnese inkl. Risikofaktoren, Medikamentenliste, partnerschaftliche Situation
- Hormondiagnostik (Testosteron morgens, LH, Prolaktin, TSH)
- Internistische Abklärung (Lipide, HbA1c, Blutdruck, Karotis-Sonografie)
- Beckendoppler-Sonografie der Penis-Arterien
- IIEF-Fragebogen zur Quantifizierung
- Eine bestehende ED ist ein Warnzeichen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sollte zur kardiologischen Vorsorge anregen
Therapie
- Lebensstil: Bewegung, mediterrane Ernährung, Rauchstopp, Gewichtsreduktion, Stressbewältigung
- PDE-5-Hemmer als Standard: Sildenafil (Viagra), Tadalafil (Cialis), Vardenafil (Levitra), Avanafil (Spedra). Sildenafil 50 mg ist in Apotheken auch ohne Rezept beratungspflichtig erhältlich
- Vakuumpumpe: mechanisches Hilfsmittel
- SKAT (Schwellkörper-Autoinjektionstherapie mit Alprostadil)
- MUSE: intra-urethraler Alprostadil-Stäbchen
- Testosteron-Substitution nur bei nachgewiesenem Mangel
- Penisprothese als ultima ratio bei Therapieversagen
- Sexualtherapie begleitend, bei psychogener Komponente Erstwahl
Vorzeitiger Samenerguss (Ejaculatio praecox)
Die häufigste sexuelle Funktionsstörung des Mannes nach ED. Ein vorzeitiger Samenerguss liegt vor, wenn der Erguss meist innerhalb der ersten Minute nach Penetration und ohne aktive Kontrolle erfolgt. Therapieoptionen:
- Verhaltenstechniken: Squeeze-Technik nach Masters und Johnson, Stop-Start-Methode
- Lokalanästhetika: lokal aufgetragene Sprays oder Cremes (Lidocain-Prilocain, EMLA)
- SSRI off-label: Sertralin, Paroxetin, Fluoxetin in niedriger Dosis
- Dapoxetin (Priligy) als zugelassener Wirkstoff, ereignisbezogen 1-3 Stunden vor Sex
- Tramadol off-label in Einzelfällen
- Beckenboden-Übungen
- Sexualtherapie
Verzögerte oder ausbleibende Ejakulation
Seltener als der vorzeitige Samenerguss. Ursachen: SSRI, Antiandrogene, Diabetes, neurologische Erkrankungen, psychogene Faktoren. Therapie: Medikamenten-Überprüfung, Anpassung der Dauertherapie, sexualtherapeutische Begleitung, ggf. medikamentöse Option (Bupropion, Yohimbin in Einzelfällen).
Hypoaktive sexuelle Lust (Lustlosigkeit)
Bei Frau und Mann gleichermaßen verbreitet. Ursachen sind vielfältig:
- Hormonell: Östrogenmangel in den Wechseljahren, Testosteronmangel
- Medikamente: SSRI, Beta-Blocker, Antihistaminika, Antihormone
- Psychisch: Depression, Erschöpfung, Beziehungskonflikt, Trauma
- Körperliche Erkrankungen: Schilddrüsenstörungen, chronische Schmerzen
- Lebenssituation: Stress, Schlafmangel, kleine Kinder
Therapie:
- Aufklärung und Beratung an erster Stelle
- Sexualtherapie nach Helen Singer Kaplan oder Hartmann
- Lokale Östrogentherapie bei Frauen mit Schleimhautatrophie
- Testosteron-Substitution bei nachgewiesenem Mangel
- Flibanserin (Addyi) bei Frauen vor der Menopause – sehr eingeschränkter Einsatz
- Bupropion off-label, wenn SSRI Auslöser sind
- Achtsamkeitsbasierte Sexualtherapie
- Paar-Therapie bei Beziehungskonflikten
Orgasmusstörungen
Bei Frau und Mann kann der Orgasmus ausbleiben oder verzögert eintreten. Ursachen: medikamentös, psychogen, Beziehungs-kompliziert, Trauma, Beckenboden-bezogen. Therapie:
- Sexualtherapie mit gezielten Übungen
- Vibrations-Stimulation
- Beckenboden-Training
- Medikamentenoptimierung
- Achtsamkeitsbasierte Verfahren
Schmerzen beim Sex
Dyspareunie bei der Frau
Schmerzen während oder nach dem Sex. Ursachen: Vaginalatrophie (Wechseljahre), Vulvodynie, Endometriose, Beckenboden-Hyperaktivität, Vaginismus, Lichen sclerosus, frühere Infektionen. Therapie:
- Lokale Östrogentherapie
- Hyaluron-haltige Gleitmittel
- Beckenboden-Therapie mit erfahrener Physiotherapeutin
- Vaginaldilatatoren
- Psychotherapie bei psychogenem Anteil
- Spezifische Therapie der Grundkrankheit
Vaginismus
Unwillkürliche Verkrampfung der Beckenbodenmuskulatur, die das Eindringen schmerzhaft oder unmöglich macht. Therapie: Sexual- und Verhaltenstherapie, Beckenboden-Therapie, schrittweise Vaginaldilatatoren-Anwendung, in Einzelfällen Botox-Injektion.
Schmerzen beim Mann
Selten, aber möglich bei chronischer Prostatitis, Peyronie-Krankheit (Penisverkrümmung mit Plaques), Phimose, anderen lokalen Erkrankungen. Diagnose: urologisch; Therapie nach Ursache.
Was die Apotheke leistet
- Diskrete Beratung zu Sildenafil 50 mg (rezeptfrei in Apotheke beratungspflichtig)
- Anwendungstipps zu Tadalafil, Vardenafil mit anderen Medikamenten (Nitrate sind absolute Kontraindikation)
- Lokalanästhetika gegen vorzeitige Ejakulation
- Hyaluron-Gleitmittel, Hyaluron-Vaginalzäpfchen für die Schleimhautpflege
- Lokale Östrogen-Vaginalcremes und -Zäpfchen (Rezept)
- Beckenbodentrainer und Vaginaldilatatoren-Sets
- Aufklärung über sexualmedizinische und psychotherapeutische Anlaufstellen in der Region
- Wechselwirkungs-Check, wenn sexuelle Funktionsstörungen unter Dauermedikation auftreten
- Begleitung von Patienten nach radikaler Prostatektomie
Wann ärztlich abklären
- Neu aufgetretene Erektionsstörung – immer kardiovaskuläre Abklärung
- Schmerzen, die nicht verschwinden
- Verlust der Libido über mehrere Wochen ohne erkennbaren Auslöser
- Schwankungen der Lust mit Belastung der Beziehung
- Funktionsstörungen unter neuer Medikation
- Wechseljahrsbeschwerden mit sexueller Komponente
- Trauma in der Vorgeschichte
- Beckenboden-Beschwerden bei Frauen und Männern
Beratung in der Rathaus-Apotheke Neuwied
Wir wissen, dass diese Themen Mut erfordern. Bei uns finden Sie Diskretion, sachliche Beratung und konkrete Hilfsangebote – ohne moralische Wertung. Wenn Sie zwischen den Fächern mit uns sprechen möchten, weisen Sie uns gerne hin; wir nehmen uns Zeit. Und wenn ein ärztlicher Termin sinnvoll wird, vermitteln wir Sie an die richtige sexualmedizinische oder fachärztliche Praxis.
