Sexualmedizin – die Basics


Sexualität ist ein zentraler Teil des Menschseins – gesundheitlich, emotional, partnerschaftlich. In der Sexualmedizin geht es um Funktion, Lust, Begehren und Beziehung. Wir möchten Ihnen eine sachliche Einführung geben, die das Thema entkrampft und Ihnen Orientierung gibt, wann ein Gespräch in der hausärztlichen Praxis, beim Urologen, der Gynäkologin oder in der sexualmedizinischen Sprechstunde sinnvoll ist.

Anatomie und Physiologie der sexuellen Reaktion

Sexuelle Erregung wird durch ein Zusammenspiel von Hormonen, Nervensystem und Gefäßen ausgelöst. Bei der Frau ist die Klitoris das wichtigste Organ der sexuellen Lust; ihre Schwellung wird durch die parasympathische Aktivierung der Beckennerven ausgelöst. Beim Mann ist die Erektion eine vaskulär gesteuerte Reaktion: die Schwellkörper (Corpora cavernosa) füllen sich mit Blut, der venöse Abfluss wird gedrosselt. In beiden Fällen ist Stickstoffmonoxid (NO) der zentrale Botenstoff. Die Tagesschwankungen, die Anwesenheit eines vertrauten Partners, der Schlafzustand und der Hormonspiegel modulieren die Reaktion erheblich.

Hormone und sexuelle Lust

  • Testosteron: wichtig für Libido bei Mann und Frau, sinkt mit dem Alter
  • Östrogen: für die Schleimhautelastizität und Befeuchtung bei der Frau
  • Prolaktin: kann bei Erhöhung Libido und sexuelle Funktion bremsen
  • Oxytocin: Bindungs- und Orgasmus-Hormon
  • Dopamin: zentrales Belohnungs- und Lust-System
  • Serotonin: hemmt in höherer Dosis die Libido (häufig Nebenwirkung von SSRI)

Häufige Themen in der sexualmedizinischen Sprechstunde

  • Erektionsstörungen (Erektile Dysfunktion)
  • Vorzeitiger Samenerguss (Ejaculatio praecox)
  • Verzögerter oder ausbleibender Orgasmus
  • Lustlosigkeit (Hypoaktive Sexual Desire Disorder)
  • Schmerzen beim Sex (Dyspareunie, Vaginismus)
  • Wechseljahrsbedingte sexuelle Veränderungen
  • Auswirkungen von Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Wechselwirkungen mit Medikamenten (Beta-Blocker, SSRI, Antihormone)
  • Anatomische Auffälligkeiten (Penis-Verkrümmung, Endometriose-bedingte Schmerzen)
  • Sexuelle Identität und sexuelle Orientierung – bei Fragen und Unsicherheit
  • Beziehungsprobleme mit sexuellem Schwerpunkt

Wichtige Lebensstilfaktoren

  • Regelmäßige körperliche Aktivität fördert die Durchblutung, das Selbstbild und die sexuelle Funktion
  • Mediterrane Ernährung mit reichlich Gemüse, Obst, Vollkorn, Olivenöl, Fisch
  • Rauchverzicht – das Rauchen ist einer der stärksten Risikofaktoren für Erektionsstörungen
  • Alkohol in Maßen: kurze enthemmende Wirkung, langfristig hemmend
  • Gesunder Schlaf-Wach-Rhythmus
  • Stressbewältigung: Achtsamkeit, Yoga, Atemübungen
  • Offene Kommunikation in der Partnerschaft

Wann ärztliche Begleitung sinnvoll ist

  • Ein neu aufgetretenes Problem, das mehr als ein paar Wochen anhält
  • Schmerzen, die nicht von selbst verschwinden
  • Veränderungen der Libido, die als belastend empfunden werden
  • Sexuelle Schwierigkeiten im Zusammenhang mit chronischen Erkrankungen oder neuen Medikamenten
  • Beziehungskrisen mit sexuellem Schwerpunkt
  • Verdacht auf sexuell übertragbare Infektion
  • Fragen rund um Verhütung, Familienplanung, ungewollte Kinderlosigkeit
  • Wechseljahrsbeschwerden mit sexueller Komponente

Diagnostische Möglichkeiten

Sexualmedizinische Diagnostik beruht auf einem ausführlichen Gespräch (Anamnese). Bei Bedarf werden ergänzende Befunde erhoben:

  • Hormondiagnostik (Testosteron, Östradiol, Prolaktin, TSH, Cortisol)
  • Blutfett- und Blutzuckerwerte
  • Internistische Diagnostik (Herz-Kreislauf, Gefäße)
  • Urologische / gynäkologische Untersuchung
  • Beckenboden-Sonographie
  • Doppler-Sonographie der Penis-Arterien bei Erektionsstörungen
  • Manometrie und Untersuchung des Beckenbodens bei Vaginismus oder Dyspareunie
  • Psychosomatisches und partnerschaftliches Assessment

Therapieansätze

  • Aufklärung und Beratung als Erstmaßnahme
  • Lebensstilanpassung
  • Medikamente: PDE-5-Hemmer (Sildenafil, Tadalafil, Vardenafil, Avanafil), Testosteron-Substitution, lokale Östrogentherapie, Bupropion bei Lustlosigkeit unter SSRI
  • Psychotherapie und Sexualtherapie nach Helen Singer Kaplan oder Masters und Johnson
  • Beckenboden-Therapie (Kegel-Übungen, Biofeedback) bei Inkontinenz und Schmerzen
  • Operative Verfahren bei spezifischer Indikation (z. B. Penisprothese)
  • Hilfsmittel: Gleitmittel, Vibrations-Stimulatoren, Vaginaldilatatoren

Was die Apotheke leistet

  • Diskrete Beratung zu Selbstmedikation (PDE-5-Hemmer Sildenafil 50 mg in der Apotheke beratungspflichtig)
  • Wechselwirkungs-Check mit Dauermedikation (Nitrate sind absolute Kontraindikation für PDE-5-Hemmer)
  • Gleitmittel auf Wasser-, Silikon- oder Hyaluronbasis
  • Lokale Östrogen-Vaginalcremes und -zäpfchen
  • Testosteron-Gele und -Pflaster (Rezept)
  • Vaginaldilatatoren und Beckenbodentrainer
  • HPV-Impfung, HIV-PrEP, Beratung zu STI-Prophylaxe
  • Empfängnisverhütung und Pille danach
  • Vermittlung an sexualmedizinische und psychosomatische Angebote in der Region

Beratung in der Rathaus-Apotheke Neuwied

Themen rund um Sexualität sind oft mit Schamgefühlen behaftet. Wir nehmen uns Zeit, in einer ruhigen Ecke des Beratungsbereichs oder im Hinterraum zuzuhören, ohne Vorurteile. Wir helfen mit konkreten Empfehlungen, mit Verständnis für die Lebensrealität von Männern, Frauen und Paaren in jedem Alter, und mit Vermittlung an die richtige Praxis, wenn das nötig wird. Falls Sie Fragen zur Pille danach oder zu Verhütungsmitteln haben, sind wir auch hier offen und kompetent.